Unser Schulstart an einer freien Schule

„Kann ich mich mit Marie verabreden?“

„Ich will mich heute mit Max verabreden!“

„Kannst Du mich früher abholen?“

„Ich will nicht in die Schule“.

„Ich habe heute den ganzen Tag mit Anna gespielt.“

Das hörte ich von meinem Sohn in den ersten beiden Schulwochen.

In diesem Beitrag ziehe ich ein Resümee. Ich will zeigen, dass ein gelungener Schuleinstieg die Fortsetzung einer humanistischen Haltung sein kann.

Vor 33 Jahren

An meine erste Schulwoche kann ich mich bis heute detailliert erinnern: Gleich am ersten Tag hat uns die Lehrerin eine Hausaufgabe aufgegeben. Da ich noch nicht so richtig wusste, was das genau zu bedeuten hat und noch voller Freude über den Schulstart war, habe ich sie nicht gemacht. Am zweiten Tag fragte die Lehrerin, wer die Hausaufgabe nicht gemacht hätte. Ich musste mich melden.

Daraufhin sollte ich nach vorne zu ihrem Pult kommen und meine Hand ausstrecken. Die Frau, die mich die nächsten drei Jahre unterrichten sollte, hat mich mehrmals mit einem Lineal geschlagen. Die Klasse war still. Ich war von dem Geschehen derart perplex, dass ich nicht mal geweint habe.

33 Jahre später

Der Tag beginnt mit einem Morgenkreis. Ich sitze mit meinem Sohn auf dem Boden mit einigen anderen Eltern. Die sogenannte Kreisleitung, die aus zwei bis drei Kindern besteht, eröffnet die Runde. Kinder und Pädagogen melden sich und tragen ihre Anliegen vor. Die neuen Kinder werden begrüßt und die Angebote des Tages wie Lesen, Rechnen, Aikido oder Trommeln vorgestellt.

Nach dem Morgenkreis ist mein Kind bereit, sich zu verabschieden. Er kann mich jederzeit anrufen: Im Flur hängt ein Telefon, das für alle immer verfügbar ist.

Zu Hause sitze ich gespannt. Das Handy stets neben mir. Tatsächlich ruft er mich am frühen Nachmittag an und fragt, wann ich ihn abholen kann. Ich mache mich sofort auf dem Weg und hole ein zufriedenes Kind ab.

Bereits am zweiten und vierten Tag will er sich mit seinen neuen Freunden verabreden.

Schulstart-Anker #1: Der Morgenkreis

Der dritte Tag beginnt mit einer Schulversammlung, an der vor allem die älteren Kinder teilnehmen. Nachdem mein Kind sich weigert, in der Schule zu bleiben, gehen wir wieder nach einer Absprache mit einem Pädagogen. Hier wird ganz deutlich, dass der Morgenkreis als gemeinsamer Anfang zumindest für mein Kind ein enorm wichtiger Anker ist. Dabei scheint es weniger wichtig zu sein, dass er weiß, was ihn am Tag erwartet, sondern diese geordnete Übersichtlichkeit, ein gemeinsamer Ausgangspunkt für das freie Spiel oder eine freiwillige Teilnahme an Angeboten:

Die Kinder an der Freien Schule dürfen den ganzen Tag spielen. Doch das freie Spiel fordert sie auch: Sie müssen sich selbst organisieren. Sie dürfen, aber auch müssen entscheiden, was, wann, wo, mit wem und wie lange sie tun. Phillip kennt erwachsenengesteuerte Angebot nur wenig: Zu Hause und im Kinderladen beherrschte das freie Spiel seinen Tag.

Obwohl die Schule im Vergleich zu staatlichen Schulen eine Zwergenschule und relativ übersichtlich ist, brauchen Schulanfänger wie Phillip solche Anker.

„Eltern sind Experten ihrer Kinder“

Eltern sind und bleiben die wichtigsten Bezugspersonen für ihre Kinder und kennen sie am besten. Viele Einrichtungen schreiben sich diesen Slogan auf die Fahnen. Wie ist es an einer freien Schule?

Besonders am Anfang braucht es ein gutes Fingerspitzengefühl, um zu entscheiden, wie viel einem Kind zugemutet werden kann. Ganz ehrlich: Wer könnte das besser als ich entscheiden, wann eine Überforderung beginnt und wie viel Zumutung in Ordnung ist.

Da mein Sohn nach dem Abholen bereits an der ersten Ampel eingeschlafen ist, kommt mir unser Behördentermin am fünften Tag entgegen: Fast vier Tage Schule voller Eindrücke waren genug. Nach unserem Termin verbringen wir den Tag im Wald und treffen zufällig unsere Kinderladengruppe. Phillip freut sich, seine Freunde wiederzusehen und so verbringen wir einen wunderschönen Nachmittag an diesem sonnigen Tag in der Natur. Ein verdienter Miniurlaub.

Schulstart-Anker #2: Das Flurtelefon

Stell Dir bitte vor, dass Du Dich auf eine Wanderung in den Urwald einlässt. Wenn es brenzlig wird, kannst Du jederzeit Hilfe einfordern. Was für eine Rückendeckung!

Das Flurtelefon ist nach dem Morgenkreis die zweite Hilfestellung für den Schulstart. Kein Kind muss sich selbst überfordern und den Tag aushalten. Gerade sensible oder zurückhaltende Kinder erleben diese Möglichkeit als eine enorm wichtige emotionale Sicherheit.

Aus der Diskussion über die Eingewöhnungen in Kindertagesstätten wissen wir, wie enorm wichtig ist, dass die Kinder zu einem Pädagogen eine gute Beziehung aufgebaut haben. Manche Pädagogen gehen davon aus, dass Kinder für eine stabile Beziehung ein Jahr brauchen würden. Die Bezugsperson hat nicht nur die Aufgabe die Entwicklung des Kindes zu beobachten und zu protokollieren. Sie ist für das Kind die einzige Anlaufstelle für Trost nach Konflikten, Heimweh oder Unfällen.

Schulen, wie die freie Schule Charlottenburg bieten den Kindern einen sanften Übergang mit solchen Eingewöhnungen an: In den ersten Wochen bleiben die Eltern mit ihren Kindern in der Schule.

Vor diesem Hintergrund ist das Flurtelefon, die Möglichkeit sich telefonisch oder durch anschließende Abholung Trost zu holen. Das gibt meinem Sohn eine enorme Sicherheit. Der Telefonjoker ist seine Rückendeckung in einem Urwald.

Am neunten Tag nutzt Phillip den Telefonjoker: Er ruft mich weinend an und will abgeholt werden. Als ich ankomme, stürzt er sich in meine Arme. Ich finde heraus, dass seine neue Spielkameradin an einem Angebot teilnimmt und er alleine in einem Raum geblieben ist. Wir klären die Sache mit einem Pädagogen und gehen nach Hause. Wenige Stunden später stürzt er sich plötzlich in meine Arme, umarmt mich kraftvoll und sagt: „Ich liebe Dich!“ Da diese Liebeserklärung wie aus heiterem Himmel kam, schaute ich ihn fragend an: „Weil Du mich abgeholt hast.“

Bin ich eine Helikoptermutter?

Viele Familien machen sich auf den Weg der sanften Geburt, des sanften Abstillens, sanfter Eingewöhnung im Kindergarten. Doch beim Schulbeginn ist es plötzlich Schluss mit sanft.

Schließlich sollen die Kinder endlich groß werden. Schließlich wurden sie im Kindergarten auf die Schule vorbereitet. Sie sollen doch lernen, auch mal selbständig zu sein. „Ich habe die Schule auch überlebt und es hat mir nicht geschadet“., „Da muss man eben durch“. Diese BASTA-Haltung hat in der Weimarer Republik ihren Höhepunkt erlebt und schimmert bis heute in unserer Kultur.

Meine Erfahrungen an unserer Schule sind von dieser Haltung Lichtjahre entfernt. Angesichts des etablierten Schulanfangs kann dieser Bericht einige Leser dazu verleiten, mich als Helikoptermutter zu etikettieren.

Ist das wirklich so? Ist die Zeit nicht reif, über den Übergang zwischen Kindergarten und Schule vom Kind aus nachzudenken? Sollten wir nicht endlich das Weinen und das weniger auffällige Aushalten der Kinder ernstnehmen? Wollen wir wirklich, dass die Kinder lernen, das Leben auszuhalten, dass sie lernen, den inneren Protest und Schmerz zu übergehen?

Von freier Bewegungsentwicklung zum humanistischen Schulstart

Dieser Blog steht unter dem Stern der Forschung über freie Bewegungsentwicklung. Eine seiner wichtigsten Säulen ist eine humanistische Haltung:
Die Hauptquelle von Entscheidungen ist der Mensch mit seinen Gefühlen – und nicht mehr Gott, König oder eine andere äußere Instanz1)vgl. Yuval Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Die Quelle der Wahrheit und damit die Grundlage von Entscheidungen ist das Gefühl. In meinen Augen beginnt bereits im Bauchlagentraining die Erziehung zum Aushalten und damit der Weg der Entkopplung des Ichs und des Gefühls. Zwar propagieren viele Autoren von Erziehungsratgebern die Rückbesinnung auf das Bauchgefühl. Gleichzeitig fordern die gleichen Autoren radikal einen ganz bestimmten Umgang mit Kindern.

Das gleiche Muster gilt für die mantramäßigen Wiederholungen, dass jedes Kind anders sei. Wenn jedes Kind anders ist, wie kann ich jemals eine allgemeingültige Empfehlung geben?

Diese Widersprüche scheinen im aktuellen Diskurs über richtige und falsche Erziehung niemanden aufzufallen.

Für den Schulstart habe ich kein Konzept, kein Programm, keine Empfehlungen, denen ich mehr oder weniger akribisch folge: Es ist nur das Gefühl und Vertrauen in die natürlichen Wachstumsprozesse. Es ist die Fortsetzung der freien Bewegungsentwicklung.

Ebenso habe ich nichts zu verkaufen, kein Patentrezept für einen Übergang. Nur Impulse, die meiner Ansicht als Erziehungswissenschaftlerin einen gelungenen Schulstart wahrscheinlich machen.

Das hat meiner Ansicht nach mit einer Helikoptermutter nichts zu tun.

References   [ + ]

1. vgl. Yuval Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

About the Author

Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogin. Sie arbeitete sechs Jahre in dem Forschungsprojekt Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen und war Dozentin in der Lehrerausbildung an den Universitäten Hannover und Potsdam. Evelyn ist Initiatorin der ersten Online-Schwimmschule Deutschlands und Veranstalterin des internationalen Kinder-in-Bewegung-Kongresses.

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