Neun Dinge, die Babys und Kleinkindern schaden

Du siehst, wie andere Eltern ihre Babys an den Händen führen, um das Laufen zu üben.

Du zeigst deinem Kind, wie es die Arme bewegen soll, damit es Brustschwimmen lernt.

Du setzt dein Kind auf das Fahrrad, hältst es fest, damit es nicht umkippt und übst so das Fahrradfahren.Irgendwie tust du diese und ähnliche Dinge mit deinem Baby oder Kleinkind, weil man es eben so macht.

Die anderen haben auch so Laufen, Schwimmen oder Fahrradfahren gelernt. Warum also nicht auch diesen Weg gehen?

Doch halt!

Du fragst dich, ob es nicht irgendwie doch andere Lernwege gibt, die für dich entspannter sind. Du fragst dich, ob dein Kind nicht vielleicht ohne diese Maßnahmen all diese Dinge lernen könnte.
Hier erfährst du, welche Umgangsweisen Babys und Kleinkindern schaden.

Die Körper der Kinder in Positionen bringen, die sie von alleine nicht erreichen können

  • auf den Bauch drehen, bevor sie sich selbst drehen können und sich noch nicht auf die Seite drehen
  • hinsetzen, bevor sie schrittweise zum Sitzen gekommen sind
  • an den Händen führen, bevor sie frei aufstehen können, sich festhaltend seitwärts laufen und schließlich selbständig die ersten Schritte machen
  • auf Rutschen setzen, bevor sie die Rutsche nicht selbständig hochgeklettert sind
  • auf Schaukeln setzen, bevor sie nicht zunächst selbständig sitzen können und auf dem Bauch geschaukelt sind
  • auf Laufräder oder Fahrräder setzen, bevor sie nicht selbst das Gleichgewicht gefunden haben

Was passiert eigentlich genau, wenn wir derart in die Entwicklung der Kinder eingreifen?

  • meistens überspringen wir viele kleine Schritte, die zu diesen Fähigkeiten führen und ihre Zeit brauchen
  • daher folgt, dass die Muskelorganisation noch nicht so weit ist: wir überfordern die Kinder
  • wir bringen die Entwicklung der Organisation der Muskeln sträflich durcheinander
  • Kinder lernen, dass Bewegung mit Anstrengung verbunden ist
  • wir nehmen den Kindern ihre Freude am selbständigem Entdecken weg

Langes Liegen auf zu weichen Unterlagen

Geborgen sollen Babys aufwachsen. Mit Geborgenheit assoziieren wir nicht nur Körperkontakt, sondern auch helle, weiche, flauschige Unterlagen. Ein Baby auf harten Boden zu legen, wird als lieblos gedeutet. Doch sind Babys, die auf zu weichen Unterlagen liegen, wie einbetoniert. Du kannst es in einem Wasserbett ausprobieren. Jede Drehung wird zu Anstrengung. Liegen Babys zu lange auf zu weichen Unterlagen, können sie weder frei ihren Kopf bewegen (damit besteht die Gefahr einer Kopfverformung), noch können sie sich mühelos drehen, später robben oder kriechen. Bereits mit drei Monaten können Babys die Spielphasen auf einem Holzboden verbringen. Im Winter sind Tatamimatten zu empfehlen.

Das Abtrainieren des Herunterkletterns kopfüber

„Wir müssen ihm beibringen, dass er sich umdreht, wenn er von der Couch wieder herunter will“ sagen viele Eltern angesichts der Gefahr einer Kopfverletzung.

Eine Couch ist definitiv eine für Babys zu große Stufe.

Wir können vor das Bett eine harte Matratze legen, um die Höhe zu verringern. Umgedrehte Schubladen bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Höhe zu erfahren und sie einzuschätzen zu lernen. Das Absteigen kopfüber ist ein natürliches Bedürfnis. Dabei schulen Babys die Hand-Auge-Koordination, lernen die Höhe einzuschätzen und stärken ihren Rumpf und die Nackenmuskulatur.

Nehmen wir ihnen diese Erfahrung weg, sind sie später mit größeren Höhen überfordert bzw. können nicht ausreichend für sich sorgen, Gefahren einschätzen. Auch so entsteht eine Abhängigkeit vom Erwachsenen.

Schwimmflügel und andere Schwimmhilfen

Kaum ein anderes Mittel in der Bewegungsentwicklung hat sich derart durchgesetzt: Die Rede ist von Schwimmflügeln.

Mit völliger Selbstverständlichkeit werden die Ärmchen der Babys durch den Gummi durchgesteckt, um ihnen angeblich das Schwimmen zu ermöglichen und später für ihre Sicherheit zu sorgen.

Wir nehmen den Kindern eine der wichtigsten Erfahrungen im Wasser: das Spüren des Auftriebs.

Mit Schwimmflügeln spüren Kinder nicht, was sie eigentlich trägt, sagt Anja Kerkow von den Rochenkindern.

In ihrer Schwimmschule werden niemals Schwimmhilfen eingesetzt1)Auch keine Schwimmnudeln o. ä..

Alle Kinder lernen nach und nach schwimmen und schwimmen wie kleine Fische2)Mehr dazu: in den Interviews auf dem Kongress..

Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Kinder einfach ohne Schwimmflügel in einem Badesee oder überfüllten Schwimmbad schwimmenlassen sollte. Besonders Badeseen sind für erste Erfahrungen im Wasser zu gefährlich.

Meine Empfehlung: Solche Orte meiden.

Von den neun Dingen, die die Entwicklung der Kinder dramatisch durcheinanderbringen, stößt das Thema Schwimmhilfen sicherlich bei den meisten Eltern auf Unverständnis.

Doch die Rochenkinder sind kein Märchen. Es ist ein existierender Schwimmkurs für Kinder zwischen neun Monaten und 12 Jahren.

Diese Kinder kämpfen nicht gegen das Wasser, sondern gleiten.

Sie strengen sich im Wasser nicht an, sondern bewegen sich mit optimalen Einsatz von Kraft.

Der Verzicht auf Schwimmhilfen – zumindest in diesem Rahmen – ist einer der grundlegenden Merkmale dieser Entdeckung. Was das für das Schwimmen in offenen Gewässern bedeutet, bedarf sicherlich einer Erläuterung.

Das Setzen der Kinder auf Geräte, die sie selbständig nicht erobern können

Bereits kleine Babys werden auf Rutschen gesetzt.

Dabei brauchen sie noch viel Zeit um sich gerademal 30 cm zu erarbeiten.

Später setzen wir sie auf Federwippen und Klettergerüste. Viele Eltern sagen: „Sie will es aber“.

Ja, die Kinder wollen es, wenn wir es ihnen einmal gezeigt haben. Sie haben gelernt, dass alles fast grenzenlos erklommen werden kann. Sie brauchen nur den Erwachsenen.

Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, die die physikalischen Grenzen erfahren durften und niemals abhängig gemacht wurden, keinen Frust zeigen, wenn sie ein Gerät nicht erreichen können. Sie suchen sich etwas Anderes.

Führen der Kinder an der Hand

Egal, ob auf dem Boden, einer Balancierstange oder anderen Erhöhungen: Sobald wir die Verantwortung für das Gleichgewicht der Kinder übernehmen, machen wir sie von uns abhängig.

Wenn kein Erwachsener in der Nähe ist, können sich solche Kinder schnell in eine gefährliche Situation bringen. Schließlich konnten sie ihren Körper nie kennenlernen.

Jedes Kind lernt von ganz alleine laufen – zum perfekten Zeitpunkt. Hier erfährst Du alle Details über diesen Prozess.

Motivieren und Anweisen zu motorischen Handlungen

„Stell dein Bein hierhin, dann kommst du hoch“ oder „Mach mal mit den Armen so, dann kannst du schwimmen“. So oder ähnlich werden Kinder kleinschrittig angewiesen. Ähnlich dem Bringen von Kindern in bestimmte Positionen/auf bestimmte Geräte nehmen wir mit solchen verbalen Anweisungen den Kindern selbständig gesteuerte Erfahrungen weg und überfordern sie.

Schreckhaft vor angeblichen Gefahren warnen

„Pass auf, sonst fällst du hin“ oder „Lauf nicht so schnell, sonst fällst du hin“. Laut der Unfallkrankenkasse sind kleinere Verletzungen ein natürlicher Bestandteil der motorischen Entwicklung. Vor größeren und lebensgefährlichen Verletzungen müssen Kinder bewahrt werden. Die meisten Unfälle passieren jedoch nicht auf besonders hohen Geräten, sondern beim Laufen auf einem ebenen Untergrund. Warum? Weil die Erwachsenen ständig kleinere Stürze verhindern. Diese Ängstlichkeit sollte schnell durch Vertrauen in die Lebensinstinkte und Entwicklungsbedürfnisse ersetzt werden!

Kinder in Flowsituationen unterbrechen

Wie oft erzählen Eltern, dass sich ihre Kinder nicht konzentrieren können, dass sie ständig ihre Beschäftigung wechseln würden. Dabei sind im ersten Lebensjahr sogenannte Flowphasen sehr kurz und werden immer länger. Flow ist ein Zustand vollkommener Vertiefung. Die Wahrnehmung von Zeit und Raum ändert sich. In dieser Phase ist ein Kind nicht ansprechbar.

Erforscht wurde Flow bei Malern. Flow ist eine mehr oder minder kurze Phase, in der ein Kind sehr tiefgreifende Erfahrungen macht.

Es lernt!

Unterbrechen wir Kinder zu oft in diesen Phasen bzw. ist die Umgebung zu laut und zu hektisch, verlieren Kinder im Laufe der Zeit diese Fähigkeit.

Die meisten Erwachsenen versuchen mit verschiedenen Methoden (Konzentrationstechniken, Meditation oder Yoga) und viel Mühe diese Fähigkeit wieder zu erlangen.

Wenn du dein Kind genau beobachtest und diese kurzen Phasen nicht unterbrichst, muss es nicht so weit kommen!

Resümee

Wenn der Verzicht auf diese Umgangsweisen wirklich so ‚richtig‘ ist, warum macht es kaum jemand?

Es stellt sich die Frage, warum diese Umgangsweisen bis heute nicht hinterfragt wurden und selbst in der Ausbildung von Pädagogen, Hebammen und Ärzten kaum Erwähnung finden.

Ich denke, dass wir mit einem starken Bedürfnis nach Belehrung und Kontrolle Eltern werden.

Vor lauter Hilflosigkeit und der offensichtlichen Abhängigkeit von Babys und Kleinkindern erkennen wir nicht Bereiche, in denen sie kompetent sind3)mehr dazu: Interview mit Anna Tardos auf dem Kinder-in-Bewegung-Kongress.

Das bedeutet nicht, dass wir uns grundsätzlich falsch verhalten.

Es bedeutet ausschließlich, dass die Wachstumsbedürfnisse besonders von Säuglingen einfach noch nicht im Fokus standen.

Es stellt sich außerdem die Frage, ob es wirklich so ’schlimm‘ ist, wenn wir unsere Kinder z. B. aufstellen, bevor sie es von alleine machen können.

Inwiefern es ’schlimm‘ ist, hängt von Deinen Werten ab.

Wenn Dir Potenzialentfaltung wichtig ist, wenn Du vielleicht erlebt hast, wie sich Dein Leben verändert hat, nachdem Du Dich aus bestimmten kulturellen tief sitzenden Mustern befreit hast, wirst Du hier wahrscheinlich aufhorchen.

Zwischen freier und nicht-freier Entwicklung gibt es in dem Sinne kein besser oder schlechter, sondern wichtiger oder unwichtiger.

Fühlst du Dich verunsichert, gestärkt oder empörst Du Dich?

Neues Wissen, neue und fremde Sichtweisen bringen uns in der Regel zum Innehalten. Sie bringen uns zu neuen Fragen oder zur Abwehr und Verteidigung eines anderen Standpunktes.

Das ist normal.

Es gibt immer wieder neue Forschungsergebnisse, neue Erkenntnisse.

Wir entscheiden, was wir lesen.

Wir entscheiden, ob wir jeden Tag stets schlechte Nachrichten im Radio oder Fernsehen konsumieren oder nicht.

Das Wissen über freie Entwicklung ist in unserer Kultur sehr neu.

In der Pädagogik sprechen wir von 30-bis-40-Jahren-Zyklen, bis sich eine neue Umgangsweise etabliert hat.

So gibt es das Wissen über die Bedeutung von Bindung seit mehr als 60 Jahren. Erst jetzt sickert es langsam durch. Erst jetzt versuchen Pädagogen bindungsstärkende Praktiken zu etablieren.

So ähnlich ergeht es der freien Entwicklung. In 30 Jahren wird wahrscheinlich niemand darüber sprechen, dass das Aufstellen von Säuglingen die Bewegungsentwicklung durcheinander bringt.

Für Kinder im Schulalter gibt es bereits eine große Bewegung, die das freie Lernen etabliert. Es sind Bestrebungen, auf belehrende und Abhängigkeit erzeugende Umgangsweisen mit Kindern mit Gegenkonzepten zu antworten.

Hier scheint zurzeit besonders die Freilernerbewegung mit komplett freien Bildungssettings nach Wegen aus dieser Misere zu suchen.

Nun ist es eine Frage der Zeit, wann sich Umgangsweisen, die auf Respekt, Freiheit und Entfaltung des Potenzials auch in den ersten Lebensjahren verbreiten werden.

References   [ + ]

1. Auch keine Schwimmnudeln o. ä.
2. Mehr dazu: in den Interviews auf dem Kongress.
3. mehr dazu: Interview mit Anna Tardos auf dem Kinder-in-Bewegung-Kongress

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