Neun Dinge, die Babys und Kleinkindern schaden

Du siehst, wie andere Eltern ihre Babys an den Händen führen, um das Laufen zu üben.

Du zeigst deinem Kind, wie es die Arme bewegen soll, damit es Brustschwimmen lernt.

Du setzt dein Kind auf das Fahrrad, hältst es fest, damit es nicht umkippt und übst so das Fahrradfahren.Irgendwie tust du diese und ähnliche Dinge mit deinem Baby oder Kleinkind, weil man es eben so macht.

Die anderen haben auch so Laufen, Schwimmen oder Fahrradfahren gelernt. Warum also nicht auch diesen Weg gehen?

Doch halt!

Du fragst dich, ob es nicht irgendwie doch andere Lernwege gibt, die für dich entspannter sind. Du fragst dich, ob dein Kind nicht vielleicht ohne diese Maßnahmen all diese Dinge lernen könnte.
Hier erfährst du, welche Umgangsweisen Babys und Kleinkindern schaden.

Die Körper der Kinder in Positionen bringen, die sie von alleine nicht erreichen können

  • auf den Bauch drehen, bevor sie sich selbst drehen können und sich noch nicht auf die Seite drehen
  • hinsetzen, bevor sie schrittweise zum Sitzen gekommen sind
  • an den Händen führen, bevor sie frei aufstehen können, sich festhaltend seitwärts laufen und schließlich selbständig die ersten Schritte machen
  • auf Rutschen setzen, bevor sie die Rutsche nicht selbständig hochgeklettert sind
  • auf Schaukeln setzen, bevor sie nicht zunächst selbständig sitzen können und auf dem Bauch geschaukelt sind
  • auf Laufräder oder Fahrräder setzen, bevor sie nicht selbst das Gleichgewicht gefunden haben

Was passiert eigentlich genau, wenn wir derart in die Entwicklung der Kinder eingreifen?

  • meistens überspringen wir viele kleine Schritte, die zu diesen Fähigkeiten führen und ihre Zeit brauchen
  • daher folgt, dass die Muskelorganisation noch nicht so weit ist: wir überfordern die Kinder
  • wir bringen die Entwicklung der Organisation der Muskeln sträflich durcheinander
  • Kinder lernen, dass Bewegung mit Anstrengung verbunden ist
  • wir nehmen den Kindern ihre Freude am selbständigem Entdecken weg

Langes Liegen auf zu weichen Unterlagen

Geborgen sollen Babys aufwachsen. Mit Geborgenheit assoziieren wir nicht nur Körperkontakt, sondern auch helle, weiche, flauschige Unterlagen. Ein Baby auf harten Boden zu legen, wird als lieblos gedeutet. Doch sind Babys, die auf zu weichen Unterlagen liegen, wie einbetoniert. Du kannst es in einem Wasserbett ausprobieren. Jede Drehung wird zu Anstrengung. Liegen Babys zu lange auf zu weichen Unterlagen, können sie weder frei ihren Kopf bewegen (damit besteht die Gefahr einer Kopfverformung), noch können sie sich mühelos drehen, später robben oder kriechen. Bereits mit drei Monaten können Babys die Spielphasen auf einem Holzboden verbringen. Im Winter sind Tatamimatten zu empfehlen.

Das Abtrainieren des Herunterkletterns kopfüber

„Wir müssen ihm beibringen, dass er sich umdreht, wenn er von der Couch wieder herunter will“ sagen viele Eltern angesichts der Gefahr einer Kopfverletzung.

Eine Couch ist definitiv eine für Babys zu große Stufe.

Wir können vor das Bett eine harte Matratze legen, um die Höhe zu verringern. Umgedrehte Schubladen bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Höhe zu erfahren und sie einzuschätzen zu lernen. Das Absteigen kopfüber ist ein natürliches Bedürfnis. Dabei schulen Babys die Hand-Auge-Koordination, lernen die Höhe einzuschätzen und stärken ihren Rumpf und die Nackenmuskulatur.

Nehmen wir ihnen diese Erfahrung weg, sind sie später mit größeren Höhen überfordert bzw. können nicht ausreichend für sich sorgen, Gefahren einschätzen. Auch so entsteht eine Abhängigkeit vom Erwachsenen.

Schwimmflügel und andere Schwimmhilfen

Kaum ein anderes Mittel in der Bewegungsentwicklung hat sich derart durchgesetzt: Die Rede ist von Schwimmflügeln.

Mit völliger Selbstverständlichkeit werden die Ärmchen der Babys durch den Gummi durchgesteckt, um ihnen angeblich das Schwimmen zu ermöglichen und später für ihre Sicherheit zu sorgen.

Dabei nehmen wir den Kindern eine der wichtigsten Erfahrungen im Wasser: das Spüren des Auftriebs.

Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Kinder einfach ohne Schwimmflügel in einem Badesee oder überfüllten Schwimmbad schwimmen lassen sollte. Besonders Badeseen sind für erste Erfahrungen im Wasser zu gefährlich.

Meine Empfehlung: Meide  solche Orte.

Von den neun Dingen, die die Entwicklung der Kinder dramatisch durcheinanderbringen, stößt das Thema Schwimmhilfen sicherlich bei den meisten Eltern auf Unverständnis. In diesem Artikel erfährst du, warum dein Baby keine Schwimmhilfen braucht.

Das Setzen der Kinder auf Geräte, die sie selbständig nicht erobern können

Bereits kleine Babys werden auf Rutschen gesetzt.

Dabei brauchen sie noch viel Zeit um sich gerademal eine Höhe von 30 cm zu erarbeiten.

Später setzen wir sie auf Federwippen und Klettergerüste. Viele Eltern sagen: „Sie will es aber“.

Ja, die Kinder wollen es, wenn wir es ihnen einmal gezeigt haben. Sie haben gelernt, dass alles fast grenzenlos erklommen werden kann. Sie brauchen nur den Erwachsenen.

Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, die die physikalischen Grenzen erfahren durften und niemals abhängig gemacht wurden, keinen Frust zeigen, wenn sie ein Gerät nicht erreichen können. Sie suchen sich etwas Anderes.

Führen der Kinder an der Hand

Egal, ob auf dem Boden, einer Balancierstange oder anderen Erhöhungen: Sobald wir die Verantwortung für das Gleichgewicht der Kinder übernehmen, machen wir sie von uns abhängig.

Wenn kein Erwachsener in der Nähe ist, können sich solche Kinder schnell in eine gefährliche Situation bringen. Schließlich konnten sie ihren Körper nie kennenlernen.

Jedes Kind lernt von ganz alleine laufen – zum perfekten Zeitpunkt. Hier erfährst Du alle Details über diesen Prozess.

Motivieren und Anweisen zu motorischen Handlungen

„Stell dein Bein hierhin, dann kommst du hoch“ oder „Mach mal mit den Armen so, dann kannst du schwimmen“. So oder ähnlich werden Kinder kleinschrittig angewiesen. Ähnlich dem Bringen von Kindern in bestimmte Positionen/auf bestimmte Geräte nehmen wir mit solchen verbalen Anweisungen den Kindern selbständig gesteuerte Erfahrungen weg und überfordern sie.

Schreckhaft vor angeblichen Gefahren warnen

„Pass auf, sonst fällst du hin“ oder „Lauf nicht so schnell, sonst fällst du hin“. Laut der Unfallkrankenkasse sind kleinere Verletzungen ein natürlicher Bestandteil der motorischen Entwicklung. Vor größeren und lebensgefährlichen Verletzungen müssen Kinder bewahrt werden. Die meisten Unfälle passieren jedoch nicht auf besonders hohen Geräten, sondern beim Laufen auf einem ebenen Untergrund. Warum? Weil die Erwachsenen ständig kleinere Stürze verhindern. Diese Ängstlichkeit sollte schnell durch Vertrauen in die Lebensinstinkte und Entwicklungsbedürfnisse ersetzt werden!

Kinder in Flowsituationen unterbrechen

Wie oft erzählen Eltern, dass sich ihre Kinder nicht konzentrieren können, dass sie ständig ihre Beschäftigung wechseln würden. Dabei sind im ersten Lebensjahr sogenannte Flowphasen sehr kurz und werden immer länger. Flow ist ein Zustand vollkommener Vertiefung. Die Wahrnehmung von Zeit und Raum ändert sich. In dieser Phase ist ein Kind nicht ansprechbar.

Erforscht wurde Flow bei Malern. Flow ist eine mehr oder minder kurze Phase, in der ein Kind sehr tiefgreifende Erfahrungen macht.

Es lernt!

Unterbrechen wir Kinder zu oft in diesen Phasen bzw. ist die Umgebung zu laut und zu hektisch, verlieren Kinder im Laufe der Zeit diese Fähigkeit.

Die meisten Erwachsenen versuchen mit verschiedenen Methoden (Konzentrationstechniken, Meditation oder Yoga) und viel Mühe diese Fähigkeit wieder zu erlangen.

Wenn du dein Kind genau beobachtest und diese kurzen Phasen nicht unterbrichst, muss es nicht so weit kommen!

Resümee

Wenn der Verzicht auf diese Umgangsweisen wirklich so ‚richtig‘ ist, warum macht es kaum jemand?

Es stellt sich die Frage, warum diese Umgangsweisen bis heute nicht hinterfragt wurden und selbst in der Ausbildung von Pädagogen, Hebammen und Ärzten kaum Erwähnung finden.

Ich denke, dass wir mit einem starken Bedürfnis nach Belehrung und Kontrolle Eltern werden.

Vor lauter Hilflosigkeit und der offensichtlichen Abhängigkeit von Babys und Kleinkindern erkennen wir nicht Bereiche, in denen sie kompetent sind1)vgl: Interview mit Anna Tardos auf dem Kinder-in-Bewegung-Kongress.

Das bedeutet nicht, dass wir uns grundsätzlich falsch verhalten.

Es bedeutet ausschließlich, dass die Wachstumsbedürfnisse besonders von Säuglingen einfach noch nicht im Fokus standen.

Es stellt sich außerdem die Frage, ob es wirklich so ’schlimm‘ ist, wenn wir unsere Kinder z. B. aufstellen, bevor sie es von alleine machen können.

Inwiefern es ’schlimm‘ ist, hängt von Deinen Werten ab.

Wenn Dir Potenzialentfaltung wichtig ist, wenn Du vielleicht erlebt hast, wie sich Dein Leben verändert hat, nachdem Du Dich aus bestimmten kulturellen tief sitzenden Mustern befreit hast, wirst Du hier wahrscheinlich aufhorchen.

Zwischen freier und nicht-freier Entwicklung gibt es in dem Sinne kein besser oder schlechter, sondern wichtiger oder unwichtiger.

Fühlst du Dich verunsichert, gestärkt oder empörst Du Dich?

Neues Wissen, neue und fremde Sichtweisen bringen uns in der Regel zum Innehalten. Sie bringen uns zu neuen Fragen oder zur Abwehr und Verteidigung eines anderen Standpunktes.

Das ist normal.

Es gibt immer wieder neue Forschungsergebnisse, neue Erkenntnisse.

Das Wissen über freie Entwicklung ist in unserer Kultur sehr neu.

In der Pädagogik sprechen wir von 30-bis-40-Jahren-Zyklen, bis sich eine neue Umgangsweise etabliert hat.

So gibt es das Wissen über die Bedeutung von Bindung seit mehr als 60 Jahren. Erst jetzt sickert es langsam durch. Erst jetzt versuchen Pädagogen bindungsstärkende Praktiken zu etablieren.

So ähnlich ergeht es der freien Entwicklung. In 30 Jahren wird wahrscheinlich niemand darüber sprechen, dass das Aufstellen von Säuglingen die Bewegungsentwicklung durcheinander bringt.

Für Kinder im Schulalter gibt es bereits eine große Bewegung, die das freie Lernen etabliert. Es sind Bestrebungen, auf belehrende und Abhängigkeit erzeugende Umgangsweisen mit Kindern mit Gegenkonzepten zu antworten.

Hier scheint zurzeit besonders die Freilernerbewegung mit komplett freien Bildungssettings nach Wegen aus dieser Misere zu suchen.

Nun ist es eine Frage der Zeit, wann sich Umgangsweisen, die auf Respekt, Freiheit und Entfaltung des Potenzials auch in den ersten Lebensjahren verbreiten werden.

References   [ + ]

1. vgl: Interview mit Anna Tardos auf dem Kinder-in-Bewegung-Kongress
  • Damaris Schulz sagt:

    Danke, liebe Evelyn, für den wunderbaren Beitrag. Ich freue mich schon sehr auf deinen Kongress. Die freie Bewegung ist uns schon seit der Geburt unserer ältesten Tochter wichtig. Trotzdem verfallen wir immer mal wieder in eine unnötige „Hilfsaktion“ die mehr bremst als hilft.

  • Ines sagt:

    Ich stimme grundsätzlich zu, und ich finde, hier werden wichtige Dinge angesprochen. Vollkommen richtig finde ich Nr. 1, 2, 5 (ist wie 1), 8 und 9. Ich würde aber nicht alles so pauschal stehenlassen. Bei Nr. 3 sehe ich kein Problem solange man den Kindern das runterklettern nicht völlig abnimmt. Meine Kinder haben sich alle von alleine für rückwärts entschieden, sobald der Höhenunterschied ca. 20cm überstieg. Bei Nr. 4: Ich sehe Schwimmhilfen nicht als Hilfe beim Schwimmenlernen sondern als Absicherung, wenn doch mal die Kraft fehlt. Ein Gefühl für den Auftrieb und das Wasser im Allgemeinen bekommt man nur in etwas tieferem Wasser, und dann kann es nicht schaden, etwas zum Festhalten zu haben. Ich persönlich würde allerdings Dinge wählen, die nicht am Körper befestigt werden, so dass die Bewegung nicht eingeschränkt ist und das Wassergefühl natürlich kommt. Das eigentliche Schwimmen-Lernen als Fortbewegung ist dann Schritt 2. Bei Nr. 6 stimme ich nicht zu. Mit den Händen abzusichern nimmt m.E. nicht das Balancegefühl. Auch Kleinstkindern laufen an Möbelkanten entlang, und ältere Kinder klettern da, wo es Möglichkeiten gibt, sich festzuhalten. Sobald das Balancegefühl da ist, wollen die Kinder von alleine nicht mehr festhalten. Nr. 7 halte ich für falsch, solange Nr. 1 gilt. Heißt: solange die Anweisung dazu dient, einen Bewegungsablauf zu verbessern, einen Trick zu lernen, oder eine (andere) Möglichkeit zu zeigen, ist sie gut. Wenn sie aber eingesetzt wird, um das Kind in eine Position bringen, die es alleine nicht erreicht hätte (da zu wenig Kraft, noch keine ausreichende Balance, zu kurze Beine o.dgl.), dann ist die Anweisung falsch.
    Dennoch: insgesamt eine gute Zusammenstellung. Und als Fazit bleibt stehen, dass man Kindern nicht am lernen hindern soll, und sie all das alleine machen lassen sollte, was sie alleine können. Sehr oft ist das mehr als man ihnen zutraut. Besondern gefällt mir zudem Punkt Nr. 9. Diese Situationen sind so wertvoll, und dann darf das Abendbrot auch mal ein paar Minuten warten…

  • Shura Schmidt sagt:

    schwachsinniger beitrag! welche mama mit möchtegern ahnung hat dies geschrieben? woher kommen diese erkenntnisse?

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Die „Mama mit möchtegern Ahnung“ ist Erziehungswissenschaftlerin, Pädagogin und Veranstalterin des großen internationalen Kinder-in-Bewegung-Kongresses. Die Erkenntnisse stammen aus der inzwischen über 120 Jahre langen reformpädagogischen Tradition und sechzigjähriger Forschung am Forschungsinstitut des Loczy in Budapest. Die Kernergebnisse hat Dr. Emmi Pikler in ihrer Habilitationsschrift vorgelegt. Die Grundlage waren tausende von Beobachtungsbögen, die in dem ehmaligen Säuglingsheim äußerst detailliert ausgewertet wurden. Die Forschung wurde von der Psychologin Anna Tardos, Agnes Szanto und Eva Kallo fortgesetzt. Dr. Annette Orphal aus Paris hat in ihrer Dissertation die freie Bewegungsentwicklung in einen neunen Zusammenhang gestellt: Emotionale Sicherheit entsteht maßgeblich in der Auseinandersetzung der Kinder mit der Schwerkraft. Auf dem Kinder-in-Bewegung-Kongress sprechen internationale Experten über ihre Ergebnisse und ihre Bedeutung für die Familien.
      Ich bitte in der Zukunft auf solche Bewertungen und Abwertungen zu verzichten. Für ein ernsthaftes Gespräch sind sie nutzlos.

  • Andrea Marx sagt:

    Kurz und bündig zusammengefasst. Bin auch gerade dabei Emmi Piklers Gedanken in meiner Arbeit umzusetzen, ganz wichtig sind dabei die Eltern und es ist schön, dass diese mitgehen.

  • Lena sagt:

    Danke für diesen tollen und wichtigen Artikel. Mein unerzogen-Freilerner-Herz hüpft vor Freude bei fast jedem Punkt 🙂
    Persönlich war mir vor allem das Schwimm-Thema ein rückblickender Lernpunkt. Ich hatte mich, vor allem bei Kind 1, gewundert, warum sie – und alle meine Kinder – nie Schwimmhilfen leiden konnten. Wir haben sie dann einfach nicht benutzt 🙂

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Danke!
      Das Freilernen kann ganz schnell die logische Konsequenz aus dem freien Aufwachsen in den ersten Lebensjahren werden.
      Toll, dass deine Kinder sich im Wasser nicht von ihren eigenen Ziele haben abbringen lassen. Besonders die kleinen Kinder werden mit Schwimmflügeln in ihrer Bewegung enorm eingeschränkt. Dass sie den Auftrieb gar nicht spüren können, ist bis heute ein Tabuthema.

  • Maria sagt:

    Tolle Interessante Punkte sind hier angesprochen , aber gerade das nicht auf den Bauch drehen bevor die Kinder es selbst können finde ich bei meinem Sohn schwierig ! Den Großteil des Tages verbringt er an mir aber er ist eben ein Bauchschläfer und liegt somit nachts und auch wenn ich tagsüber mal die Möglichkeit habe ihn abzulegen auf dem Bauch. Und das seit Geburt. Jetzt ist er 5 Wochen alt und noch dreht er sich nicht allein 😉

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Maria,
      es gibt Kinder, die nach der Geburt sehr viel Nähe und Zuwendung brauchen, andere weniger. Besonders beim Stillen und Wickeln werden sie mit Nähe gesättigt – vorausgesetzt, dass wir ihnen in diesen Situationen mit viel Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Langsamkeit begegnen. Wenn sie keine nachgeburtlichen Schmerzen haben oder krank sind, brauchen sie auf der anderen Seite den Raum für sich, um sich selbst zu entdecken. Auf dem Bauch können sie schlafen, doch in den Wachzeiten ist die Rückenlage die einzige Position, in der
      – die Atmung frei ist,
      – sie sich umschauen können (Babys liegen Kanten),
      – die Arme und Beine frei sind (aus diesen unwillkürlichen Bewegungen werden immer mehr koordinierte Bewegungen)
      – sie den Rumpf bewegen können.

      Der erste Schritt der Bewegungsentwicklung ist also die Beweglichkeit des Rumpfes, der zweite die Seitlage und dann kommt irgendwann die erste Drehung auf den Bauch.
      In dieser Entwicklungstabelle sind die wichtigsten Meilensteine mit den Zeiträumen angegeben (http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf).
      Es gibt Kinder, die monatelang auf dem Rücken liegen und zufrieden sind. In dieser Zeit entwickelt sich vorallem ihr Spiel. Andere Kinder sind schnell, die Spielentwicklung kommt dann etwas später.

      Wenn es deinem Baby also gut geht, es satt und ausgeschlafen ist und genug Zuwendung beim Wickeln und Stillen hatte, würde ich dir raten, es auf dem Rücken zu legen. Bitte auf eine möglichst feste Unterlage.

      Man hat vor langer Zeit einen Versuch gemacht und eine Gruppe von Babys stets auf den Bauch gelegt. Ihre Bewegungsentwicklung war sehr durcheinander und die Haltung äußert ungesund. Irgendwann verwächst sich das etwas, wenn sie im zweiten und dritten Lebensjahr ausreichend Erfahrungen machen können. Doch was bleibt, ist das Gefühl des Ausgeliefertseins. Besonders das fehlende Gefühl der Selbstwirksamkeit ist meiner Meinung nach gravierend.

      Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die eine andere Meinung haben. Ich schreibe hier nicht aus meiner Erfahrung als Pädagogin, Therapeutin oder Mutter, sondern auf der Grundlage von Forschungsergebnissen, die sich mit meinen Beobachtungsergebnissen decken.

      • Maria sagt:

        Vielen Dank für die ausführliche Antwort, ich werde das auf jeden Fall ausprobieren.

        Die bisherigen Versuche Luis auf dem Rücken liegen zu lassen waren leider von großer Unzufriedenheit seinerseits begleitet.

  • Susann sagt:

    Das ist wirklich eine tolle Zusammenfassung und ich wünschte es würde sich immer schneller in der Welt verbreiten. Leider greifen selbst fremde Menschen immer wieder ein, um mein Kind zu „retten“ wem es Dinge allein macht. Doch wenn man von Emmi Pikler erzählt (was ja immer eine Weile dauert) sind viele überzeugt. Nur selbst wenden es dann doch nur wenige an. Dabei sind die Ergebnisse verblüffend, was Kinder allein können.

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Susann,
      danke für Deine Rückmeldung!
      In der Pädagogik dauert es 30 bis 40 Jahre, bis sich neue Erkenntnisse durchsetzen. Hinzu kommt, dass sich erst dann eine neue Umgangsweise durchsetzt, wenn sie bei einem Problem hilft. Doch wie soll sich freie Bewegungsentwicklung durchsetzen und auch praktiziert werden, wenn die Wirkungen der geführten Bewegungsentwicklung zum einen erst Jahre später sichtbar sind und sie zum anderen noch nicht im Zusammenhang mit Übungen oder Anweisungen besonders in den ersten beiden Lebensjahren erkannt werden.
      Doch viele Eltern machen sich bereits auf den Weg und erleben vorallem eine enorme Entlastung, wenn sie erleben, wie einfach ‚Erziehung‘ wird, wenn wir den Kindern einfach nur folgen. Das ständige Machen, Animieren und Motivieren entfällt und das Leben mit Kindern wird leichter und freudvoller. Lassen wir unsere Erwartungen beiseite, eröffnet sich uns eine komplett neue Welt!

  • Melanie sagt:

    Hallo!
    Vielen Dank für diesen Post – ich stimme mit dir in vielen Punkten überein.
    Allersings ergibt sich mir eine Frage. Du schreibst von langen Still- und Tragezeiten. Über welche Zeiträume sprichst du hier genau?

    Beste Grüße Melanie

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Melanie,
      ich habe in der überarbeiteten Version des Artikels auf der Kongressseite diesen Absatz weggelassen, weil er mehr Verwirrung als Klarheit stiftet. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin. Das bedeutet, dass ich pädgogische Praktiken, in ihren historischen und kulturellen Zusammenhang stelle und auf ihre Normen überprüfe. Auch die Praktiken in der freien Bewegung gehören dazu.
      Lang ist realtiv. Für eine Mutter können sich acht Monate, für eine anderen 21 Monate lang anfühlen. Ich denke, dass die aboluten Zahlen, der Vergleich von Längen mit anderen Müttern, wenig hilfreich ist. Er bringt uns nur davon ab, zu schauen, was für uns stimmig ist und vorallem, was das jeweilige Kind signalisiert. Es gibt Kinder, die gerne getragen werden, andere weniger. Das lange Tragen und möglichst langes Stillen wird derzeit sehr propagiert. Das ist vor dem Hintergrund der pädagogischen Ratgeber der unmittelbaren Nachkriegszeit gut nachvollziehbar.
      Doch solche Ratschläge sind kein Garant für eine sichere Bindung. Es ist nicht wichtig, wie lange ein Kind gestillt oder getragen wurde, sondern welche Zuwendung es von der Mutter erfährt. Die Bindungsforschung ist besonders für die Videostudien bekannt geworden. Man hat die Interaktion zwischen Säuglingen und ihren Eltern gefilmt und detailliert ausgewertet. Der Aufbau einer sicheren Bindung hängt diesen Ergebnisse nach, an der Qualität der Interaktion.
      Aus der Sicht der Pikler-Pädagogik sind Pflegesituationen für den Bindungsaufbau ausschlaggebend, weil hier die Eltern eh mit ihren Kinder interagieren müssen und die Möglichkeit erhalten, mit Langsamkeit, Achtsamkeit und Feinfühligkeit ihre Kinder kennenzulernen und ihnen einen echten Dialog zu ermöglichen.

  • Eliandra sagt:

    Dazu hätte ich mal eine Frage: Meine Tochter ist 3 Monate alt und vermutlich habe ich leider am Anfang einiges falsch gemacht bezüglich der freien Entwicklung von Bewegung. Wenn ich sie jetzt einfach machen lasse, wird sie die Fehler von selbst wieder „verlernen“? Oder hab‘ ich da jetzt unwiderbringlichen Mist gebaut?

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Eliandra,

      freie Entwicklung soll ein Grund zur Freude und nicht zur Sorge werden. Es ist ein Weg zum tiefen Vertrauen in die Wachstumsbedürfnisse von Kindern. Wir schauen nicht daruaf, was wir falsch gemacht haben, denn wir werden viele, viele Fehler machen. Das ist normal und völlig in Ordnung. Man kann jederzeit den Kurs wechseln und sich auf eine sehr besondere und freudvolle Reise zu den inneren Regungen des Kindes machen. Wenn Du ab jetzt Deiner Tochter ausreichend Zeit für freie Bewegung gibst, wird sie ihren Weg in ihrem Tempo gehen.
      Sie wird Dein Vertrauen spüren.
      Nach Dir also keine Sorgen! Es ist nie zu spät, sich auf den Weg des Staunens zu machen.

  • Nadine sagt:

    Danke für diesen Artikel!

    Sie schreiben Badeseen seien mit Kindern zu meiden. Warum sind diese gefährlicher als andere Badestätten? Ich bin verunsichert.

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Nadine,

      inwiefern ein Badesee zu meiden ist, hängt zum einen von der Wasserqualität ab: Ist der See glasklar, kannst du in der Tiefe, in der dein Kind sich aufhält stehend deine Füße sehen, wirst du dein Kind im Notfall herausfischen können. Das Problem liegt an den Mulden: Ein Kind geht langsam in die Tiefe (wir locken es natürlich nicht) und kann plötzlich einfach verschwinden. Selbst wenn wir daneben stehen, kann es passieren, dass wir es in einem trüben Wasser nicht mehr sehen. Ich habe Kinder in der Havel unter Wasser gefilmt. Sie sind nur wenige Zentimeter an der Kamera vorbei geschwommen und waren wie unsichtbar. Obwohl die meisten von ihnen schwimmen konnten, einige auf dem natürlichen Weg (also deutlich sicherer), war ich sehr angespannt. Wenn ein Kind unter Wasser Panik bekommt, wird es nicht einfach so auftauchen. Auch Kinder, die schon ganz gut schwimmen können, können plötzlich untergehen.
      Und hier spreche ich über Vorschulkinder.

      Das nächste Problem sind beliebte Badeseen. Kleine Kinder spielen gerne am Rand, also an der Stelle, die am meisten bakteriell belastet ist. Die aktuellen Messwerte sind auf einigen Seiten zu finden, wie z. B. hier für Berlin:
      http://www.berlin.de/lageso/gesundheit/gesundheitsschutz/badegewaesser/liste-der-badestellen/?q=&farbe=&badname=–+Alles+–&bezirk=–+Alles+–&q_geo=&q_radius=20000&ipp=20#searchresults

      Ist man mit einem Baby oder Kleinkind unterwegs, stellt sich ernsthaft die Frage, ob nicht eine Therme mit einem Außenbereich ein deutlich sicherer Ort für die Wassergewöhnung und Spielzeit ist. Für mich sind Seen schöne Orte, um mit einem Boot zu fahren oder spazieren zu gehen. Bleibt das Kind direkt am Ufer, kann ein Aufenthalt an einem See durchaus erholsam sein. Aber um wirklich entspannt zu schwimmen, empfehle ich andere Orte.

  • Naturdecken sagt:

    Toller Artikel, gefällt mir gut. Ich habe
    diesen auf FB geteilt und manche Likes dazu bekommen. Weiter so!

  • Ellen Girod sagt:

    Liebe Evelyn, danke für diesen grossartigen Artikel, zu dem ich immer wieder zurückkomme und der mir rein intuitiv sehr sinnvoll erscheint. Nun ist es so, dass andere Bezugs- und Betreuungspersonen mit diesen Ansätzen ihre liebe Mühe haben. Warum? Weil „man“ das früher ja auch so gemacht hat und niemand einen Schaden davon trug (wasich je länger desto mehr bezweifle).
    Konkret muss ich mich derzeit erklären, warum ich keine Schwimmflügel für meine Tochter will. Das Antrieb-Argument leuchtet marginal ein, es wird dagegen argumentiert, dass das Kind so Freude am Wasser bekommt, was in den Armen von Eltern bzw. im seichten Wasser nicht möglich wäre und ebendiese Freude, Motivation wichtig sei für den Schwimmlernprozess. Nun recherchiere ich zum Thema und zwar brauch ich „harte“ Fakten. Kannst du mir Studien, Authoren, Theorien auf denen der Gedanke basiert, empfehlen? Also etwas räpresentatives. Auf der Rochenkinder-Webseite hab ich keine Quellen gefunden.

    Vielen herzlichen Dank & Danke für Deine wertvolle und unermüdliche (Aufklärungs-)arbeit hier 🙂

    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Ellen

    • Evelyn Podubrin sagt:

      Liebe Ellen,
      vielen Dank für die Rückmeldung!
      Ich sehe, dass ich nicht deutlich genug dargelegt habe, dass das Konzept der Rochenkinder von Anja Kerkow entwickelt wurde. Anja hat hunderte von Kindern (es sind rund 5000) beim freien Schwimmen beobachtet und begleitet. Die Ergebnisse ihre jahrzehntelanger Arbeit habe ich in dem Film „Revolution of Swimming“ auf den Kinder-in-Bewegung-Kongress gezeigt. Anjas Erkenntnisse sind nun in unserem Videokurs veröffentlicht: http://freie-bewegungsentwicklung.de/ratgeber/
      In diesem Kurs findest Du alle Argumente und Erläuterungen.

      Ich gehe davon aus, dass der Name Anja Kerkow in den Geschichtsbüchern direkt neben Maria Montessori oder Emmi Pikler stehen wird. Warum? Weil es in unserer Kultur revolutionär ist, dass Kinder mit solcher Vielfalt und Qualität schwimmen.
      Parallel gibt es z. B. beim Fußball eine ähnliche Entwicklung: Der kürzlich verstorbene Horst Wein hat entdeckt, dass Kinder innerhalb kürzester Zeit die sogenannte Fußballintelligenz entwickeln, wenn sechs Spieler auf vier Tore spielen und NICHT angeleitet werden.

      Während der DFB diese Methoden anerkennt und sich für die Verbreitung einsetzt, hängt der deutsche Schwimmverband noch sehr hinterher. Wenn man sich die Leistung der deutschen Schwimmer im internationalen Vergleich anschaut und die schlechte Schwimmqualität von Kindern und Erwachsenen, dann führt an den Entdeckungen von Anja kein Weg vorbei.

  • Isabelle sagt:

    Liebe Evelyn,
    ich finde deine freien Ansichten richtig und ganz toll. Mach weiter so. Mache selbst vieles richtig und auch viele Fehler.
    Ich möchte dir einfach ein positives Feedback für dein eigenständiges Denken und Handeln geben. Super, lg

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