Mein Kind kneift mich – Wie Du das Problem binnen Sekunden löst

„Das tut mir weh. Lass bitte los“, sagt Simone zu ihrem zweijährigen Sohn.

Sie nimmt Luis Hand weg und versucht ganz ruhig zu bleiben.

Doch Luis kneift seine Mutter immer wieder und immer wieder.

Will er mehr Aufmerksamkeit?

Ist er einfach müde?

Muss Simone ihren Schmerz mit mehr Nachdruck erklären?

Hier erfährst Du von der FenKid-Pädagogin Andrea Weu, wie Dein Kind binnen Sekunden zu kneifen aufhört.

Begegnung mit Anton

Ich war mit Anton, 2 Jahre alt, an einem See. Anton spielte im Sand, unweit vom Ufer.

Ich war dazu auserkoren, dass Wasser aus dem See zu holen.

Ich hockte da und sah Anton beim Spielen zu.

Das Wasser wurde aus der kleinen Gießkanne in den Eimer gekippt und dann in den Sand.

Anton war ganz in seinem Spiel vertieft.

Plötzlich ging sein Blick nach oben, er sah mich an.

Ich konnte in seinem Gesicht, seiner Mimik erkennen, dass irgendetwas in ihm vorging.

Die Augen wurden kleiner, die Augenbrauen und die Stirn waren wie zur Faust geballt.

Anton kam auf mich zu und griff mit beiden Händen meinen Arm.

Er drückte zu und sein ganzer kleiner Körper schien voll Spannung zu sein.

Denkpause

Was tun wir – Ich hätte sagen können.

Hey Anton lass das.

Das tut mir weh.

Hör auf.

(oder schweren noch für Anton zu verstehen „nicht kneifen“, „das macht man nicht“).

Das wäre in den Widerstand gehen.

All das hätte höchstwahrscheinlich dahin geführt, dass sich Anton schlecht fühlt.

Ich mache etwas, dass nicht in Ordnung ist.

Und wahrscheinlich wäre er noch wütender geworden.

Daraus wäre ein Konflikt zwischen Anton und mir entstanden.

Wohin der Konflikt geführt hätte ist Spekulation.

Es wäre eine Grenze zwischen Anton und mir da gewesen.

In jedem Fall hätte die Lösung eine Weile gebraucht.

Widerstand erzeugt immer Widerstand

Wie ging es in dieser Situation mit uns nun wirklich weiter?

Ich sah Anton etwas von der Seite an.

Bei mir war der Impuls da mit ihm in Kontakt zu gehen.

So nahm ich meine Hand und berührte ihn ganz sanft an der Seite.

Ich tat nichts weiter.

In dem Moment, als ich Anton berührte, sah ich, dass sich etwas in seinem Gesicht veränderte.

Die angespannte Mimik löste sich etwas.

Dann plötzlich wurde der Druck seiner Hände an meinem Arm sanfter.

Einige Sekunden später wirkte sein Körper wieder ganz entspannt.

Und wieder sah mich Anton an, nahm seine Hände von meinem Arm weg, drehte sich um und kehrte in sein vertieftes Spiel zurück.

Und nein, ich habe in der Situation nicht gedacht, was muss ich jetzt tun, wie verhalte ich mich „richtig“.

Es war in dem Augenblick meine Haltung, die aus mir sprach.

Ich wusste, dass es nicht um mich ging, dass Anton nicht mir weh tun wollte.

So hatte ich die Möglichkeit in Kontakt mit ihm zu gehen und zu bleiben.

Anton zu unterstützen sich zu regulieren.

Ein Ventil für Anton, um in seinem Gefühl, was es auch immer ausgelöst hatte, zu bleiben und es abfließen zu lassen.

Kinder suchen keine Grenzen – Kinder suchen Kontakt

Anton spielt vertieft.

Irgendetwas in ihm – eine Erfahrung, eine Erinnerung, ein plötzliches Unwohlsein…. löst in seinem Nervensystem Alarm aus.

Unser ältestes Gehirn übernimmt und entscheidet zwischen, Fluch, Kampf, Erstarrung. Daraus entsteht ein Gefühl – Angst, Trauer, Wut.

Welches Gefühl es war, war für mich in diesem Moment unklar und spielt auch keine Rolle.

Da kleine Menschen im Alter von Null bis Drei Jahren immer zu 100 % in ihren Gefühlen sind, löste das die Reaktion von Anton aus.

Durch die Coregulation, die ich Anton, durch das in Kontakt gehen, geben konnte, war es Anton möglich, sich zu regulieren.

Die Erfahrung die Anton dadurch gemacht hat, ist eine Erfahrung, die ihm später hilft sich selbst zu regulieren.

Der ganze Prozess hat vielleicht zwei Minuten gedauert.

Eine minimale Zeit mit viel Erfahrung und Bedeutung für uns Beide.

Danke Anton dafür!

Wird Anton lernen, dass Kneifen dem Anderen weh tut?

Wenn die Erwachsenen Anton niemals signalisieren, dass sein Tun Schmerzen verursacht, wird er sich doch nie als Verursacher wahrnehmen.

Das ist die häufigste Angst, die uns zu Abwehr, Gegenwehr oder Flucht führt.

Kleinen Menschen die Chance zu geben, durch Coregulation sich selbst zu regulieren, bedeutet, die Fähigkeit zu erlernen, sich als großer Mensch selbst zu regulieren und das betrifft alle Gefühle, schreibt Andrea.

Obwohl wir in den letzten 100 bis 150 Jahren unfassbar viel über die kindliche Entwicklung herausgefunden haben, machen wir immer noch nur wenige Unterschiede zwischen Zwei-, Fünf- oder Zehnjährigen.

Wir zwingen Kleinkinder zu teilen oder aufzuräumen.

Ich denke, dass es an der Zeit ist kindlicher Aggressivität im Kleinkindalter eine eigene Bedeutung zu verleihen.

Andrea Weu ist Berlinerin, Gründerin von kind-sein berlin und begeisterte Kursbegleiterin für

– FenKid
– Sandraum
– Original Play

Das könnte Dich auch interessieren...

Durch freie Bewegungsentwicklung zur Bindung

About the Author

Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogin. Sie arbeitete sechs Jahre in dem Forschungsprojekt Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen und war Dozentin in der Lehrerausbildung an den Universitäten Hannover und Potsdam. Evelyn ist Initiatorin der ersten Online-Schwimmschule Deutschlands und Veranstalterin des internationalen Kinder-in-Bewegung-Kongresses.

Leave a Reply 3 comments

Um unsere Webseite für Dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst Du in unserer Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen