So lernen Babys laufen

So lernen Babys laufen

Kaum ziehen sich Kinder an Möbeln hoch, wirken sie plötzlich groß. Aus dem Baby wird ein Kleinkind. Für Eltern und die ganze Familie ein großer Tag! In unserer Kultur strecken die meisten Eltern ihre Hände aus und laden zum Loslassen und den ersten Schritten ein. Viele fangen an, das Kind an den Händen zu führen, um die neue Fortbewegungsart zu üben.

Es spricht jedoch vieles dafür, dass sich Kinder, die aus eigener Initiative laufen lernen, gesünder entwickeln.

Wie Kinder laufen lernen, die an den Händen nicht geführt werden

Zuerst versuchen die Kinder aufzustehen, indem sie sich z. B. an einem Gitterbettchen festhalten. Sie machen seitwärts ihre ersten Schritte. Als nächstes üben sie das freie Stehen. Erst nach dem freien Stehen kommt das freie Gehen.

In dieser letzten Phase der motorischen Entwicklung wechseln sie durchschnittlichen ca. 2 mal pro Minute ihre Position (vgl. Pikler, Lasst mir Zeit). Die häufigsten Positionen sind: Sich-Aufsetzen und der Vierfüßlerstand (vgl. Pikler S. 54). Nach und nach erlöst das freie Gehen das Krabbeln und das Sich-festhaltend-Gehen.


Wie schwer es ist sein Gleichgewicht in dieser neuen Position zu halten, ohne zu wissen wie man wieder herunterkommt, wird in diesem Video deutlich.

Will ein Kind zu einem Spielzeug oder zu seinen Eltern, krabbelt es oder läuft sich irgendwo festhaltend – es benutzt also eine geübte Fortbewegungsart. Will es das freie Stehen oder freies Gehen üben, konzentriert es sich ausschließlidh darauf. Es ist ganz bei sich. Strecken wir dem Kind unsere Arme aus, wird es von sich aus voller Vorfreude das geübte Krabbeln benutzen, um in unsere Arme zu kommen. Verlangen wir von ihm freies Gehen, brechen wir gewissermaßen das natürliche Bedürfnis nach eigener Sicherheit. Mit anderen Worten: Wir laden es zum Körperkontakt ein und verlangen von ihm gleichzeitig die Überwindung der Distanz in einer noch riskanten Fortbewegungsart: Es könnte jederzeit sein Gleichgewicht verlieren.

Zwischen dem sich festhaltend Hochziehen, dem sich wieder Herablassen und dem freien Gehen sind also einige Entwicklungsschritte notwendig, bis die Muskulatur ausreichend ausgebildet ist. Erst, wenn ein Kind diese Schritte gehen durfte, kann es sein Gleichgewicht würdevoll halten. Warum würdevoll? Bist du schon mal auf der Straße gestolpert? Als erstes schauen wir uns um, ob uns jemand gesehen hat. Sein Gleichgewicht zu verlieren ist unangenehm und peinlich.

Wann lernt ein Baby laufen?

3 bis 25% der Babys beginnen im neunten und zehnten Monat sich hochzuziehen. Kinder, die wenig Raum zum Rollen, Kriechen, Krabbeln haben und/oder zum Hochziehen animiert werden, ziehen sich noch früher hoch. In seltenen Fällen machen sie diesen Entwicklungsschritt vor dem neunten Lebensmonat.
75 bis 97% der Kinder ziehen sich im 15 oder 16 Monat hoch. Wenn sie einen zufriedenen Eindruck machen und ihre Spielentwicklung ’normal‘ verläuft, sehe ich keinen Grund zur Sorge.

Diese Zahlen stammen aus diesem Entwicklungsbogen: http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf
Der Entwicklungsbogen beruht auf der Habilitationsschrift von Emmi Pikler, die im Wesentlichen in „Lasst mir Zeit“ öffentlich zugängig ist.

Zwischen dem sich hochziehen und den ersten Schritte vergehen Monate. 3 bis 25% der Kinder unternehmen mit 12 Monaten die ersten freien Schritte, 75 bis 97% im 21 Monat.

Braucht mein Kind einen Wagen (Lauflernwagen)?


Lauflernwagen eigenen sich ausschließlich für Kinder, die laufen können. In der freien Entwicklung können das Kinder zwischen dem 13 und 21 Monat (vgl. „Lasst mir Zeit“ und der Entwicklungsbogen). Meinem Gefühl nach hat die Spielzeugindustrie ihre Zielgruppe erweitert, indem sie Puppenwagen zu Lauflernhilfen umgestaltet hat. Da alle Familien daran interessiert sind, die Entwicklung ihrer Kinder bestens zu fördern, ist die Bereitschaft für den Kauf solch eines Wagens hoch.

Kinder lernen nicht laufen, indem sie einem rollenden Gegenstand hinterher rennen. Sie sind dem sich wegbewegenden Wagen ausgeliefert. Sie haben weder die Fähigkeit die Geschwindigkeit zu bestimmen, noch ihn anzuhalten. Der natürliche Lernprozess wird durcheinander gebracht.
Darauf hat die Spielzeugindustrie reagiert: Manche Lauflernwagen können durch das Anschrauben der Räder etwas abgebremst werden. Ich frage mich, wofür ein Baby noch einen Wagen braucht, wenn ein Stuhl für das Schieben ausreicht oder sich dafür besser eignet.

Was haben Babys von der freien Entwicklung?

Kinder, die sich in ihrem eigenen Tempo, ohne beschleunigende oder motivierende Maßnahmen seitens Erwachsenen aufwachsen und sich emotional sicher fühlen, haben eine fantastische Bewegungsqualität. Warum? Der menschliche Körper hat eine ungeheure Intelligenz die Bewegungen so zu organisieren, dass mit möglichst wenig Kraft ein optimales Ergebnis erzielt wird. Das tut er durch zahlreiche Versuche. Er probiert im Rahmen seiner Möglichkeiten eine Bewegungsform, wie das sich Drehen auf die Seite und später auf den Bauch und wieder zurück, bis sie optimal ist. Zweitens probiert er unterschiedliche Bewegungsformen aus, bis er eine findet, die sich am optimalsten anfühlt und sich mit seinen Lebensbedingungen vereinbaren lässt.

Da jeder Körper komplett verschieden ist, ist das Kind die einzige Person, die beurteilen kann, was gerade möglich ist, was noch zu schwer ist und wie es eine Bewegungsform optimieren kann. Dieser Optimierungsprozess braucht seine Zeit und führt am Ende zu einer für genau diesen Körper ausgereiften Muskulatur, einem optimalen Einsatz ALLER Muskeln: Nirgendwo hat es zu viel oder zu wenig Spannung. Damit ist eine Grundlage für die lebenslange Gesundheit gesetzt.

Schubidu! – Tipps für die ersten Schuhe wenn barfuß nicht geht

„70% der Informationen die das Gehirn benötigt um den Untergrund zu spüren und eine sichere Bewegung in Gang zu setzen, kommen von den Nerven Ihrer Fußsohlen.“ Ich empfehle Dir, Dein Kind so viel wie möglich barfuß laufen zu lassen. Ist der Boden fußkalt helfen Stülpen.
Doch in den kalten Monaten lassen sich Schuhe nicht vermeiden. Wenn Dein Kind sicher laufen kann, steht der Einkauf von ersten Schuhen an.

Wie Du den richtigen Schuh findest

Die richtige Schuhgröße kannst du am besten mit einer Schablone aus einem Karton oder dem Messgerät feststellen. 68% der Kinder tragen zu kleine Schuhe. 74% der Kinder tragen keine passenden Hausschuhe (vgl. Studie).

Mit diesem Messgerät lässt sich die Schuhgröße ganz einfach bestimmen.

Mit Ausnahme von Skischuhen sollten die Schuhe eine dünne und flexible Sohle haben. Der Markt der Barfußschuhe ist inzwischen stark gewachsen. Hier einige Empfehlungen:

  1. Hausschuhe von Nanga gibt es in den Größen 20-38. Sie kosten zwischen 18-28 EUR. Die Sohle ist so weich, dass sie sich komplett einrollen lässt.

2. Die Barfußschuhe von Vivobarefoot gibt es in den Größe 20, 29 und 30. Mit 70 EUR liegen sie auf dem gleichen Niveau wie gute Turnschuhe. Der Sommerschuh ist atmungsaktiv und in den Größen 20 bis 30 für 65 EUR verfügbar.


3. Die Barfußschuhe von Leguanito ähneln einer Socke. Mit einer großen Farbauswahl gibt es sie in den Größen 28, 30 und 32.  Sie fallen eher zu klein aus, so dass sich eine Bestellung zwei Größen größer empfielt. Der Preis ist mit 59 bis 69 EUR eher hoch einzuschätzen.

4. Sole Runner hat inzwischen auch Barfußschuhe für Kinder, die sich eher für flache Füße eignen. Ich empfehle besonders die Stiefel für den Winter, da viele Kinder nach dem Barfußlaufen in den warmen Monaten oder leichten Schuhe große Schwierigkeiten mit der Umstellung auf Winterstiefel haben.

Die Winterstiefel gibt es in den Größen 28-35 für 95,49 bis 129,90 EUR.
Die Sneakers gibt es in den Größen 29-35 für 64,52 bis 75,90 EUR.


Quellen

http://www.bkk-bayern.de/uploads/media/BKK_Kinderfuesse_Abschlussberich_10-10-2016.pdf

  • Birgit sagt:

    Liebe Evelyn, sehr interessant! Ich habe nur eine Frage, welche mir bei der Erzählung von der Schwiegermutter, die Angst hat dass der kleine fällt, kam. Wenn die Kinder nicht weiter gehen als sie können u sich gut einschätzen warum fallen sie denn dann so oft um bei den ersten Stehversuchen? Als mein Sohn sich die ersten Male hochgezogen hat ist er oft wie ein Brett umgefallen, beim Sitzen auch. Ich hab ihn nie in diese Positionen gesetzt oder gestellt aber dann beim Umfallen habe ich doch eingegriffen u ihn aufgefangen damit er sich nicht ständig den Kopf aufschlägt… Wäre das eben in deiner geschilderten Situation nicht auch möglich, dass er sich überschätzt?

    • Evelyn sagt:

      Liebe Franziska,
      die Angst Deiner Schwiegermutter ist völlig normal. Schließlich sehen wir das kleine Kind, welches noch so viel lernen muss und Anzeichen für eine Sturz sendet.

      Die Frage ist, wie wir mit unseren Ängsten umgehen? Ich schlage vor sie zu überprüfen.
      Liegt wirklich ein Anlass für eine ernsthafte Verletzung vor?
      Ist unsere Angst wirklich angemessen oder verhindern wir eine ganz normale Entwicklung, zu der Fehler ganz natürlich gehören?
      Unsere Aufgabe ist es schwere Unfälle zu verhindern und leichte Verletzungen und ungefährliche Stürze sinnvoll zu begleiten. Das bedeutet, dass wir ggf. für Trost sorgen, wenn Tränen fließen.

      Also: Es gibt keinen motorische Entwicklung ohne Fallen. Gefährlich wird es, wenn wir bereits am Anfang das Fallen aus niedrigen Höhen (10cm beim Rollen/Kriechen/Robben/Krabbeln) verhindern. Steigt ein Kind auf diese Höhe und dreht sich am Anfang noch ungeschickt so um, dass es herunter fällt, lernt es sehr schnell seinen Kopf zu schützen. Viele Erwachsene verhindern an dieser zentralen Stelle der motorischen Entwicklung bereits diese Erfahrung.

      Nun zu deiner Frage: Es gibt einige Kinder, die sich nach dem Hochziehen wie ein Brett fallen lassen. Diese Phase geht irgendwann vorbei. Unserer Aufgabe ist es natürlich das Kind ganz nah zu begleiten und den Sturz zu verhindern. Das Problem für die Kinder ist, dass sie sich hochgezogen haben, aber noch lernen müssen, wieder herunterkommen. Beobachte Dein Kind, wenn es steht: Wenn es ihm langsam zu viel wird, kannst Du es aus dieser Sackgasse befreien (in der freien Entwicklung gibt es zwei Sackgassen.) Am besten, bevor es sich fallen lässt.

      Wann sich Kinder komplett selbst überschätzen ist meiner Ansicht nach immer nur im Kontext zu bewerten, um Selbstüberschätzung nicht mir natürlichem Gehen an die Grenze zu verwechseln. Das Hochziehen und das Lernen des Sich-Herablassen ist in aller Regel ganz normal.

  • Till Reckert sagt:

    Liebe Evelyn,
    vielen Dank für diesen schönen Blog.
    Herr Spitzer aus Ulm schrieb mal: „Laufen lernt man von Fall zu Fall.“ (Siehe z. B. in diesem wunderbaren Aufsatz: http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/inhalt/archiv/issue/2320/manuscript/25602/show.html). Da ist was dran. Das Gegenteil des hier Gemeinten sind ja Gängelwägen (ja, die Dinger, die heute unter dem euphemistischen Label „Gehfrei“ verkauft werden, hießen früher wirklich so). Siehe http://www.paednetzs.de/fileadmin/Redakteure/Info_5_16.pdf, Seite 14-16.
    Viele Grüße, Till

  • Sandra Lange sagt:

    Hi, wollte nur in Bezug auf die Barfußschuhe noch die Wildling Schuhe hinzufügen! Es sind die besten Schuhe für jeder Mann / Frau / Kind 😉. Laufe in nichts anderem mehr und meine Kids auch nicht, für mich die beste Lösung wenn Schuhe sein müssen.

    Viele Grüße
    Sandra

  • Conny sagt:

    Ich lese immer wieder, wie es Kinder machen sollen und habe auch das Buch von Dr. Pikler gelesen und versuche es anzuwenden und dann habe ich auf der anderen Seite eine kleine sechsmonatige Tochter, die schon seit sie drei Monate alt ist Minicrunches macht und weint, wenn man ihr nicht die Finger hinhält, an denen sie sich selbst hochzieht und dann aus den Beinen heraus in den Stand drückt. Am Anfang haben wir sie immer wieder hingelegt, aber irgendwann haben wir das Weinen nicht ertragen und sie einfach hinstellen lassen und seit zwei Wochen läuft sie jetzt an den Händen. Auch da haben wir versucht, sie zurück zu halten und ihr einfach nicht die Finger zu geben, was in großem Gemecker endet. Was würdest du uns empfehlen?

    • Liebe Conny,
      die Frage ist: Was ist Hilfe? Womit helfen wir den Kindern wirklich und wann machen wir etwas für sie, wofür jedoch noch viele, viele Schritte notwendig sind.
      In deinem Fall helfen wir den Kindern, indem wir ihren Frust begleiten. Später geben wir den Kindern auch nicht immer Süßigkeiten, nur weil sie danach verlangen. Kinder haben viele Ambitionen: Sie wollen so schnell wie möglich Teil der Gesellschaft werden und Dinge tun, die Erwachsene dürfen. Sie spielen z. B. Superman, um sich stark und mächtig zu fühlen.
      Ich sehe, dass Kinder, die es gewohnt sind alles zu bekommen, obwohl ihre Entwicklung es noch nicht zulässt, eine eher niedrige Frustrationstoleranz haben. Sie wollen z. B. auf ein Klettergerüst mit zu großen Sprossenabständen hinaufsteigen und werden von ihren Eltern oben am Ziel hingesetzt. Davon rate ich ab.
      Ich hoffe, dass ihr einen Weg für euch findet, der sich gut anfühlt.
      Viele Grüße
      Evelyn

  • A. Müller sagt:

    Kleiner Tipp: Ich habe im Pikler -Kurs gelernt, dass man in der Phase, in der die Babys wie ein Brett umfallen, einfach ein schmales Kissen oder eine Yogamatte bereithalten und dahinterlegen kann. Und dann nicht eingreifen. So lernen sie, dass und wie sie fallen, schlagen mit dem Kopf aber nicht auf dem harten Boden auf.

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