So lernen Babys laufen

So lernen Babys laufen

Kaum ziehen sich Kinder an Möbeln hoch, wirken sie plötzlich groß. Aus dem Baby wird ein Kleinkind. Für Eltern und die ganze Familie ein großer Tag! In unserer Kultur strecken die meisten Eltern ihre Hände aus und laden zum Loslassen und den ersten Schritten ein. Viele fangen an, das Kind an den Händen zu führen, um die neue Fortbewegungsart zu üben.

Kommt Dir das bekannt vor?
Kinder, die aus eigener Initiative laufen lernen, entwickeln sich gesünder.

Fragst du Dich, ob es möglich ist, dass ein Kind ohne die Hilfe eines Erwachsenen laufen lernen kann. Wenn es möglich ist: Was haben sie davon? Ist es schädlich, sein Baby an den Händen zu führen?

Wie Kinder laufen lernen, ohne an den Händen geführt zu werden?

Zuerst versuchen die Kinder aufzustehen, indem sie sich z. B. an einem Gitterbettchen festhalten. Sie machen seitwärts ihre ersten Schritte. Als nächstes üben sie das freie Stehen. Erst nach dem freien Stehen kommt das freie Gehen.

In dieser letzten Phase der motorischen Entwicklung wechseln sie durchschnittlichen ca. 2 mal pro Minute ihre Position. Die häufigsten Positionen sind: Sich-Aufsetzen und der Vierfüßlerstand (vgl. Pikler S. 54). Nach und nach erlöst das freie Gehen das Krabbeln und das Sich-festhaltend-Gehen.


Wie schwer es ist sein Gleichgewicht in dieser neuen Position zu halten, ohne zu wissen wie man wieder herunterkommt, wird in diesem Video deutlich.

Will ein Kind zu einem Spielzeug oder zu seinen Eltern, krabbelt es oder läuft sich irgendwo festhaltend – es benutzt also eine geübte Fortbewegungsart. Will es das freie Stehen oder freies Gehen üben, konzentriert es sich ausschließlidh darauf. Es ist ganz bei sich. Kind unsere Arme aus, wird es von sich aus voller Vorfreude das geübte Krabbeln benutzen, um in unsere Arme zu kommen. Verlangen wir von ihm freies Gehen, brechen wir gewissermaßen das natürliche Bedürfnis nach eigener Sicherheit. Mit anderen Worten: Wir laden es zum Körperkontakt ein und verlangen von ihm gleichzeitig die Überwindung der Distanz in einer noch riskanten Fortbewegungsart: Es könnte jederzeit sein Gleichgewicht verlieren.

Zwischen dem sich festhaltend Hochziehen, dem sich wieder Herablassen und dem freien Gehen sind also einige Entwicklungsschritte notwendig, bis die Muskulatur ausreichend ausgebildet ist. Jetzt kann das Kind sein Gleichgewicht würdevoll halten. Warum würdevoll? Bist du schon mal auf der Straße gestolpert? Als erstes schauen wir uns um, ob uns jemand gesehen hat. Sein Gleichgewicht zu verlieren ist unangenehm und peinlich.

Wann lernt ein Baby laufen?

3 bis 25% der Babys beginnen im neunten und zehnten Monat sich hochzuziehen. Kinder, die wenig Raum zum Rollen, Kriechen, Krabbeln haben und/oder zum Hochziehen animiert werden, ziehen sich noch früher hoch. In seltenen Fällen machen sie diesen Entwicklungsschritt vor dem neunten Lebensmonat.
75 bis 97% der Kinder ziehen sich im 15 oder 16 Monat hoch. Wenn sie einen zufriedenen Eindruck machen und ihre Spielentwicklung ’normal‘ verläuft, sehe ich keinen Grund zur Sorge.

Zwischen dem sich hochziehen und den ersten Schritte vergehen Monate. 3 bis 25% der Kinder unternehmen mit 12 Monaten die ersten freien Schritte, 75 bis 97% im 21 Monat.

Braucht mein Kind einen Wagen (Lauflernwagen)?

Lauflernwagen eigenen sich ausschließlich für Kinder, die laufen können. In der freien Entwicklung können das Kinder zwischen dem 13 und 21 Monat. Meinem Gefühl nach hat die Spielzeugindustrie ihre Zielgruppe erweitert, indem sie Puppenwagen zu Lauflernhilfen umgestaltet hat. Da alle Familien daran interessiert sind, die Entwicklung ihrer Kinder bestens zu fördern, ist die Bereitschaft für den Kauf solch eines Wagens hoch.

Kinder lernen nicht laufen, indem sie einem rollenden Gegenstand hinterher rennen. Sie sind dem sich wegbewegenden Wagen ausgeliefert. Sie haben weder die Fähigkeit die Geschwindigkeit zu bestimmen, noch ihn anzuhalten. Der natürliche Lernprozess wird durcheinander gebracht.
Darauf hat die Spielzeugindustrie reagiert: Manche Lauflernwagen können durch das Anschrauben der Räder etwas abgebremst werden. Ich frage mich, wofür ein Baby noch einen Wagen braucht, wenn ein Stuhl für das Schieben ausreicht oder sich dafür besser eignet.
Babys, die einer Lauflernhilfe hinterherrennen, laufen auch nicht schneller.

Was haben Babys von der freien Entwicklung?

Kinder, die sich in ihrem eigenen Tempo, ohne beschleunigende oder motivierende Maßnahmen seitens Erwachsenen aufwachsen und sich emotional sicher fühlen, haben eine fantastische Bewegungsqualität. Warum? Der menschliche Körper hat eine ungeheure Intelligenz die Bewegungen so zu organisieren, dass mit möglichst wenig Kraft ein optimales Ergebnis erzielt wird. Das tut er durch zahlreiche Versuche. Er probiert im Rahmen seiner Möglichkeiten eine Bewegungsform, wie das sich Drehen auf die Seite und später auf den Bauch und wieder zurück, bis sie optimal ist. Zweitens probiert er unterschiedliche Bewegungsformen aus, bis er eine findet, die sich am optimalsten anfühlt und sich mit seinen Lebensbedingungen vereinbaren lässt.

Da jeder Körper komplett verschieden ist, ist das Kind die einzige Person, die beurteilen kann, was gerade möglich ist, was noch zu schwer ist und wie es eine Bewegungsform optimieren kann. Dieser Optimierungsprozess braucht seine Zeit und führt am Ende zu einer für genau diesen Körper ausgereifter Muskulatur, einem optimalen Einsatz ALLER Muskeln. Hat ein Kind eine fantastische Bewegungsqualität, kann es für eine Bewegung seine Muskelkraft optimal einsetzen: Nirgendwo hat es zu viel oder zu wenig Spannung. Damit ist eine Grundlage für die lebenslange Gesundheit gesetzt.

Schubidu! – Tipps für die ersten Schuhe wenn barfuß nicht geht

„70% der Informationen die das Gehirn benötigt um den Untergrund zu spüren und eine sichere Bewegung in Gang zu setzen, kommen von den Nerven Ihrer Fußsohlen.“ Ich empfehle Dir, Dein Kind so viel wie möglich barfuß laufen zu lassen. Ist der Boden fußkalt helfen Stülpen.
Doch in den kalten Monaten lassen sich Schuhe nicht vermeiden. Wenn Dein Kind sicher laufen kann, steht der Einkauf von ersten Schuhen an.

Wie Du den richtigen Schuh findest

Die richtige Schuhgröße kannst du am besten mit einer Schablone aus einem Karton oder dem Messgerät feststellen. 68% der Kinder tragen zu kleine Schuhe. 74% der Kinder tragen keine passenden Hausschuhe (vgl. Studie).

 

 

 

Mit diesem Messgerät lässt sich die Schuhgröße ganz einfach bestimmen.

 

 

 

 

Mit Ausnahme von Skischuhen sollten die Schuhe eine dünne und flexible Sohle haben. Der Markt der Barfuschuhe ist inzwischen stark gewachsen. Hier einige Empfehlungen:

  1. Hausschuhe von Nanga gibt es in den Größen 20-38. Sie kosten zwischen 18-28 EUR. Die Sohle ist so weich, dass sie sich komplett einrollen lässt.

2. Die Barfußschuhe von Vivobarefoot gibt es in den Größe 20, 29 und 30. Mit 70 EUR liegen sie auf dem gleichen Niveau wie gute Turnschuhe. Der Sommerschuh ist atmungsaktiv und in den Größen 20 bis 30 für 65 EUR verfügbar.


3. Die Barfußschuhe von Leguanito ähneln einer Socke. Mit einer großen Farbauswahl gibt es sie in den Größen 28, 30 und 32.  Sie fallen eher zu klein aus, so dass sich eine Bestellung zwei Größen größer empfielt. Der Preis ist mit 59 bis 69 EUR eher hoch einzuschätzen.

4. Sole Runner hat inzwischen auch Barfußschuhe für Kinder, die sich eher für flache Füße eignen. Ich empfehle besonders die Stiefel für den Winter, da viele Kinder nach dem Barfußlaufen in den warmen Monaten oder leichten Schuhe große Schwierigkeiten mit der Umstellung auf Winterstiefel haben.

Die Winterstiefel gibt es in den Größen 28-35 für 95,49 bis 129,90 EUR.
Die Sneakers gibt es in den Größen 29-35 für 64,52 bis 75,90 EUR.


Quellen

http://www.bkk-bayern.de/uploads/media/BKK_Kinderfuesse_Abschlussberich_10-10-2016.pdf

About the Author

Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogin. Sie arbeitete sechs Jahre in dem Forschungsprojekt Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen und war Dozentin in der Lehrerausbildung an den Universitäten Hannover und Potsdam. Evelyn ist Initiatorin der ersten Online-Schwimmschule Deutschlands und Veranstalterin des internationalen Kinder-in-Bewegung-Kongresses.

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