Dein Baby in die Bauchlage: Freudvoll und natürlich

Dein Baby in die Bauchlage: Freudvoll und natürlich

Wann dreht sich ein Baby auf den Bauch

Wenn du ein noch sehr junges Baby hast, dann kannst du es wahrscheinlich kaum erwarten, bis es sich das erste Mal dreht. Gerade am Anfang kann es dir vorkommen, als ob sich wochenlang nichts verändern würde, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Manche Babys unternehmen früher, manche später ihre ersten Versuche, sich zu drehen und sich freiwillig in die erstmal unbequeme Lage zu versetzen.

Du hast wahrscheinlich bereits gehört, dass du dein Baby regelmäßig auf den Bauch legen sollst, um mit ihm die Bauchlage zu üben. Kinderärzte erwarten im 4. bis 4. Lebensmonat, dass ein Kind den Kopf halten kann (Unterarmstütz in Bauchlage). Eine Studie, die die Häufigkeit und Dauer des Bauchlagentrainings im Zusammenhang mit der Fähigkeit, den Kopf zu halten, liegt meiner Kenntnis nach nicht vor.

Was passiert, wenn Babys nicht trainiert werden? Wann erreichen sie diesen Meilenstein?

Einer Untersuchung in einem Säuglingsheim von Dr. Emmi Pikler, hat folgende Statistik ergeben:

Vierter Monat: 3 – 25%
Fünfter bis sechster Monat: 25 – 75%
Siebenter bis achter Monat: 75 – 97%1)http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf

Der Durchschnitt liegt bei 24 Wochen (6 Monate). Vier weitere Untersuchungen kommen zu sehr ähnlichen Ergebnissen2)vgl. Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit S. 41. Diese Erwartung stellen Kinderärzte in der U5 (6 bis 7 Monat), was sich mit der Durchschnittsangabe deckt.

Wovon hängt es ab, wann diese Fähigkeit erlangt wird?

1. Muskeltonus
Manche Kinder kommen mit einer gewissen Grundspannung auf die Welt und können schneller die Meileinsteine erreichen. Manche haben einen schwachen Muskeltonus. Darauf haben wir keinen Einfluss. Legen wir zwei Säuglinge direkt nach der Geburt nebeneinander, können wir zum Teil erhebliche Unterschiede erkennen.

2. Geburtsgewicht
Je geringer das Geburtsgewicht, desto später drehen sich die Kinder3)vgl. Pikler, S. 40.

3. Dauer der Entdeckung der Hände
Manche Babys sind lange damit beschäftigt, ihre Hände zu entdecken. Dieser Prozess endet im siebten Monat. Sie sind in der Rückenlage zufrieden: Schauen sich viel um, spielen mit ihren Händen und versuchen (erst) im sechsten Monat Gegenstände zu erreichen. Auch darauf haben wir nur wenig Einfluss.

4. Dauer der Zeit in der Rückenlage
Hat ein Kind ausreichend Zeit in der Rückenlage verbracht, seine Mitte gefunden, durch das ‚Strampeln‘ die gesamte Muskulatur ausreichend ausgebildet, wird es sich früher oder später  zunächst auf die Seite, dann auf den Bauch drehen. Über die Bewegungsentwicklung von Kindern, die nie oder kaum auf den Rücken gelegt wurden, gibt es meiner Kenntnis nach keine Studien. Ich kann mich nur auf die Habilitationsschrift von Dr. Emmi Pikler berufen4)vgl. Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit.

Zwischenfazit: Wie soll ich nun entscheiden?

1. Du kannst dem allgemeinen Rat folgen und die Bauchlage möglichst früh trainieren. Zum Ablauf des Trainings gibt es im Internet zahlreiche Anleitungen. Mag Dein Baby diese Position nicht, wirst Du sein ‚Gemecker‘ mit Ablenkungsmaßnahmen ‚überspringen‘ müssen.
Du wirst mit dieser Entscheidung kaum Konflikte mit dem Kinderarzt bekommen. Erreicht Dein Baby diesen Meilenstein dennoch nicht in der erwarteten Zeit, wird dich der Kinderarzt wahrscheinlich ermutigen, die Bauchlage weiter zu üben.

2. Du kannst Dich auf Dein Bauchgefühl verlassen.
– Fühlst du dich mit dem Training wohl, ist Dein Baby während des Trainings zufrieden, kannst du damit fortsetzen.
– Fühlst du dich mit dem Training unwohl, verzieht dein Baby das Gesicht, weint oder meckert, kannst du dich für den Weg der freien Bewegungsentwicklung entscheiden. (Im Videokurs erfährst du detailliert, was du dafür brauchst.)

3. Du kannst Dich auf die inzwischen 60-jährige Forschung rund um Dr. Emmi Pikler verlassen. Du verzichtest darauf, Bewegungen zu üben, die Dein Kind von sich aus nicht erreichen kann.
Die wichtigsten Untersuchungsergebnisse über Bewegungsentwicklung findest du hier.5)Emmi Pikler untersuchte vorwiegend Bedingungen für Gesundheit und nicht wie üblich Krankheit. Dieser damals evolutionärer Gedanke führte sie zu völlig neuen Blicken auf die kindliche Entwicklung.

Wie lange bleibt ein Baby in der Bauchlage?

Wie lange würdest Du im Handstand bleiben, wenn es für dich neu wäre? Trainierte Babys bleiben einige wenige Minuten in der ungewohnten Position, bis sie wieder zurückgedreht werden (müssen). Eine Untersuchung zu Verweildauer in der Bauchlage bei trainierten Säuglingen liegt meiner Kenntnis nach nicht vor.

In der freien Entwicklung bleibt ein Baby durchschnittlich 9 von 30 Minuten auf dem Bauch liegen. In dieser Zeit dreht es sich 9 Mal in diese Lage6)vgl. Pikler, S. 48.

Hilfe! Mein Baby dreht sich nicht

Wenn sich Dein Kind frei bewegen darf, mit einem Geburtsgewicht über 2500 g geboren wurde, einen zufriedenen Eindruck macht und im achten Monat immer keine Anzeichen für diesen Positionswechsel macht, ist eine neurologische Untersuchung und Abklärung der Gesamtentwicklung beim Kinderarzt Dein erster Schritt. Anja Werner und Monika Aly von der Pikler Gesellschaft Berlin machen eine umfassende Diagnostik.

Umgekehrt bedeutet es, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass sich ein Kind im achten Monat noch nicht auf den Bauch dreht. In der freien Entwicklung sind es ca. 3 bis 25% der Kinder. Allerdings ist meiner Ansicht nach eine umfassende Diagnostik, die vor allem das Spielverhalten in den Blick nimmt, sehr zu empfehlen.

Mein Baby weint in der Bauchlage!

Viele Babys weinen, wenn wir sie auf den Bauch legen, um diese Position zu üben. Warum eigentlich?

Schmerzen

Da die Schultermuskulatur noch nicht ausgebildet ist, hat dein Baby Schmerzen. Je länger es in dieser Position verweilt, desto mehr spannt sich seine Muskulatur an. Um dies nachzufühlen, schlage dir vor, dich hinzulegen und deinen Oberkörper mithilfe der Bauchmuskulatur anzuheben. Wie fühlt es sich nach einer Minute an? Wie nach zwei oder drei Minuten?

Atmung

Dein Baby kann in der Bauchlage nicht frei atmen.

Sichtfeld

Das Sichtfeld ist im Gegensatz zu der Rückenlage deutlich eingeschränkt. Dein Baby kann sich nicht umschauen.

Beweglichkeit

Die Gliedmaßen sind im Gegensatz zu der Rückenlage nicht mehr frei beweglich. Das irritiert die Kinder.

Das Baby mit einem Spielzeug vom Weinen ablenken?

Was erlebt Dein Baby, wenn du ein Spielzeug vor seinen Augen bewegst, wenn du es auf den Bauch gelegt hast? Welche Botschaft sendest du?

Vielleicht diese?

„Höre nicht auf deine Körpersignale, sondern auf die Reize der Außenwelt. Übergehe dich selbst.“

Dein Baby soll also die unbequeme Lage ertragen, die Nackenmuskeln sollen sich automatisch ausbilden und es muss noch das sich bewegende Spielzeug wahrnehmen und verarbeiten. Das alles gleichzeitig!

Wenn ich gerade diesen Text schreibe und mein Sohn mich gleichzeitig etwas fragt und das Telefon summt, werde ich ehrlich gesagt irgendwann wahnsinnig.

Überprüfe bitte, ob du dein Kind dieser Überforderung aussetzen willst.

Gestörtes Verhältnis zu Bewegung

Welches Verhältnis zu Bewegung haben wir eigentlich in unserer Kultur?

Meistens sehen wir schwitzende Übergewichtige oder schwitzende Sportler. Wir sind es gewohnt, dass wir abends müde ins Bett fallen.

Sich abends noch bewegen? Bloß nicht!

Welches Verhältnis entwickelt dein Baby zu Bewegung, wenn es in Positionen versetzt wird, für die die Muskulatur noch nicht ausgebildet ist?

Ich denke, dass es lernt, dass es normal ist, dass Bewegung mit Anstrengung verbunden ist und keinen Spaß macht. So wie wir es in unserer Kindheit durch eine geführte Bewegungsentwicklung verinnerlicht haben, dass Bewegung = Anstrengung ist.

Wir können uns nicht vorstellen, dass das Treppensteigen, das Laufen oder das Sitzen so optimiert ablaufen können, dass wir abends nicht dermaßen erschöpft sind.

Wenn ein Gepard mit 90-120 km/h läuft, ist sein Körper perfekt aufeinander abgestimmt.

Wenn ein Nashorn durch die Savanne stapft, wird jeder Muskel für diese Fortbewegungsart optimal eingesetzt.

Warum bewegen sich jedoch nur wenige Menschen so anmutig wie eine Gazelle oder stolz wie ein Pfau? Kinder, die sich frei entwickel, haben genau diese Bewegungsqualität.

Und Jetzt kommt das Beste: Freie Bewegungsentwicklung ist für Eltern und Kinder stressfrei und völlig kostenlos!

Flacher Hinterkopf, Bauchschläfer und plötzlicher Kindstod

Im Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Kindstod und der Bauchlage sorgen sich einige Eltern in zweifacher Hinsicht:

  1. Wenn ein Baby viel Zeit in der Rückenlage verbringt (schlafend und wach), könnte es eine Abflachung des Hinterkopfes entwickeln. Viele Eltern schlussfolgern, das Baby möglichst viel zu tragen und die Bauchlage zu üben.
  2. Wenn ein Baby sich nachts auf den Bauch dreht, könnte es nicht ausreichend Luft bekommen. Viele Eltern schlussfolgern, das Baby nachts immer wieder zurückzudrehen oder die Drehung mit Kissen o. ä. zu verhindern. Das Bauchlagentraining sollte verstärkt fortgesetzt werden, um die Fähigkeit sich wieder zurückzudrehen, zu entwickeln.

Studien, pädagogische Ratschläge und Umgangsweisen sind eng miteinander verwoben und drehen sich um die Minderung des Risikos für den plötzlichen Kindstod. Schauen wir uns die neusten Forschungsergebnisse an.

Wird mein Baby einen abgeflachten Hinterkopf bekommen?

Einige Eltern stellen fest, dass ihr noch sehr junges Baby eine Lieblingsseite hat. Das ist in den ersten Wochen ganz normal – sagt die Psychologin Anna Tardos aus dem Pikler-Institut. Die Babys im Loczy wurden auf eine möglichst harte Unterlage gelegt, so dass sie den Kopf frei und leicht bewegen konnten. Man hat also den Kindern von Anfang an die Möglichkeit gegeben, sich ungehindert zu bewegen. Kein Kind hatte eine bleibende Kopfverformung.
In unserem Kulturkreis wird den Eltern geraten Maßnahmen zu ergreifen, um die Rückenlage wenigstens in der wachen Zeiten zu vermeiden. Eine Diskussion über den Zusammenhang zwischen zu weichen Unterlagen und der Beweglichkeit des Kopfes blieb bis heute aus. Dabei kann die ein einfacher Test helfen: Lege dich in eine Wasserbett und probiere den Kopf zu drehen. Probiere dich im Raum umzuschauen. Wechsle dann auf eine ’normale‘ Matratze.

Dein Baby fühlt sich auf einer zu weichen Unterlage wie einbetoniert. Ist dein Baby wach, kannst du es ab dem dritten Monat auf eine Sportmatte oder Tatamimatte legen, so dass es auf beiden Seiten etwas entdecken kann. 30% der wachen Zeit verbringt ein Baby damit, sich im Raum umzuschauen (70% der Zeit schaut es sich Gesichter an).

Eine neuere Studie bestätigte die Forschung von Emmi Pikler: Freie Bewegungsentwicklung mindert das Risiko für Plagiozephalie (Abflachung des Hinterkopfes) lautet das Ergebnis7)http://www.earlyhumandevelopment.com/article/S0378-3782(11)00167-8/fulltext. Ariane Cavalier und ihre Mitarbeiter gingen der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Schlaf auf dem Rücken, und dem Grad der Bewegungsfreiheit nach.

Die Forscher verglichen zwei Gruppen: In der ersten Gruppe wurden die Eltern direkt nach der Geburt über freie Bewegungsentwicklung aufgeklärt. Die Babys durften sich in den ersten vier Monaten ungehindert bewegen; in der Kontrollgruppe nicht.
Ergebnis: 13% der Babys, die sich ungehindert bewegen durften hatten DP. In der Kontrollgruppe waren es 31%!

Bei jeder weiteren Stunde Unbeweglichkeit verdoppelte sich das Risiko für die Abflachung des Kopfes (im dritten und vierten Monat).

Schlussfolgerung: Freie Bewegungsentwicklung senkt dramatisch die Ausbildung einer Schädelverformung, wenn die Eltern kurz nach der Geburt über Bewegungsfreiheit informiert werden.

Bauchschläfer: Mein Baby dreht sich im Schlaf auf den Bauch

Dreht sich ein Baby immer wieder im Schlaf auf den Bauch, werden wir es nicht verhindern können. Um den plötzlichen Kindstod unwahrscheinlicher zu machen, sollte u. A. das Bett von Kissen, Nestchen und Spielsachen freigeräumt sein8)https://www.nichd.nih.gov/sts/about/risk/Pages/reduce.aspx. Prof. Gerhard Jorch ist der Meinung, dass „die fehlende Aufwachreaktion mancher Kinder bei Sauerstoffmangel“ als Ursache für den plötzlichen Kindstod entscheidend ist. 9)http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1666017/Die-Bauchlage-ist-das-gr%C3%B6%C3%9Fte-Risiko/ Normalerweise entsteht nach einem Sauerstoffmangel Schnappatmung, die das Aufwachen verursacht. Bei plötzlichen Kindstod werden die Kinder jedoch nicht wach. Forscher vermuten, dass das Atemzentrum nicht genug ausgebildet sei 10)http://www.stern.de/gesundheit/kinderkrankheiten/erkrankungen/ploetzlicher-kindstod-schicksalsschlag-aus-heiterem-himmel-3762444.html.

Das Risiko für den mangelnden Reflex erhöht z. B. das Rauchen in der Schwangerschaft. Zu warme Zimmertemperatur und zu warme Kleidung (kombiniert mit einer Mütze) erhöhen ebenso die Wahrscheinlichkeit für die Senkung dieses Reflexes – so Jorch. Da die meisten Vorfälle in den kalten Jahreszeiten passieren, ist die Empfehlung, die Zimmertemperatur unter 20° C zu halten ernst zunehmen.

Die Empfehlung Babys auf dem Rücken schlafen zu lassen, hat zwar die Anzahl der Todesfälle dramatisch gesenkt, doch tappt die Ursachenforschung immer noch im Dunkeln.

Bis heute wird in diesem Zusammenhang empfohlen mit den Kindern in den wachen Zeiten die Bauchlage zu üben. Eine Studie, die die Wirksamkeit dieser Maßnahme auf den pltözlichen Kindstod untersucht, ist meiner Kenntnis nach bis heute ausgeblieben.

Erhöht das Bauchlagentraining sogar das Risiko für den plötzlichen Kindstod?

Die meisten Säuglinge, die plötzlich im Schlaf sterben sind 2 bis 4 Monate alt. Eltern wird empfohlen, mit ihren Kindern in den wachen Phasen die Bauchlage zu üben, damit sie sich im Schlaf selbständig zurückdrehen können.

Führt die Beschleunigung in der Bewegungsentwicklung dazu, dass Babys sich in einer Phase drehen können, in der bei einigen das Atemzentrum im Gehirn noch nicht ausgebildet ist, um bei Sauerstoffmangel und der nachfolgenden Schnappatmung wach zu werden?

In der freien Bewegungsentwicklung drehen sich nur 3 bis 25% der  Kinder im vierten Monat auf den Bauch11)http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf. Die meisten Kinder tun dies erst später – in einem Alter, in dem das Risiko für den pltözlichen Kindstod geringer ist. Wie viele von ihnen sich im Schlaf auf den Bauch drehen, ist meiner Kenntnis nach nicht erforscht.

Meine These: Kinder, die in den wachen Phasen auf dem Rücken liegen und sich aus eigener Initiative frühstens ab dem vierten Lebensmonat auf den Bauch drehen, haben ein geringeres Risiko für den plötzlichen Kindstod. Das würde zumindest für die Kinder zutreffen, die aufgrund eines nicht ausreichend ausgebildeten Atemzentrums im Schlaf auf den Bauch verstorben sind.

Umgekehrt bedeutet es: Kinder, die sich erst nach dem vierten Lebensmonat auf den Bauch drehen können und dies auch im Schlaf tun, sind aus der risikoreichsten Phase raus.

Da die Forschung über die freie Bewegungsentwicklung bislang in der medizinischen, therapeutischen und pädagogischen Ausbildung ignoriert wird, wird es noch lange dauern, bis diese These überprüft wird.

Hat die Schlafposition Einfluss auf die motorische Entwicklung?

Umgekehrt hatten Ärzte und Eltern die Sorge, dass der Schlaf auf dem Rücken die motorische Entwicklung verlangsamen würde. Eine Studie konnte diese Sorge nicht bestätigen12)http://www.earlyhumandevelopment.com/article/S0378-3782(12)00267-8/fulltext.

Fazit: BEWEGUNGSFREIHEIT

Ich habe gesehen, wie sich Kinder entwickeln, die sich von Anfang an ungehindert bewegen durften. Unzählige Videoaufnahmen öffnen uns einen ganz neuen Blick auf die eigene Initiative, auf einen schier unendlichen Willen sich in risikoreiche Positionen zu bringen, immer wieder zu probieren. Ich erleben jeden Tag wie mein eigenen Sohn jede erdenkliche Möglichkeit zum Klettern oder Balancieren ergreift. Nachdem wenige Wochen nach seiner Geburt mein erstes Buch über freie Entwicklung gelesen habe, staunte ich, wie viel Willen ein Kind zeigen kann und wie wenig ich ihm zutraute. Nach sechs Jahren Mutterschaft ist freie Entwicklung gar kein Thema mehr. Unser vollstes Vertrauen in seine Entscheidungen, unsere Aufmerksamkeit und eine fragende Haltung sind uns ins Blut übergegangen. Wann unser Sohn mal endlich schwimmt, Fahrrad fährt oder liest, sind uns völlig fremde Fragen. Wir erfreuen uns an dem, was er macht, an seinen kleinen und großen Projekten, an seinem Sprachwitz, Lebensfreude, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit.

Die Filmaufnahmen aus dem Loczy sind für tausende von Menschen ein großes Erlebnis. Viele trauern ihrer eigenen Kindheit nach. Viele spüren plötzlich, wie sehr sich die Maßnahmen ihrer Eltern auf ihren Körper und ihre Persönlichkeit ausgewirkt haben. Viele gehen den Weg der Nachentfaltung.

Aus der Erfahrung als Autorin dieses Blogs weiß ich, dass einige Leser die freie Entwicklung ganz oder teilweise für großen Blödsinn halten. Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die eine andere Meinung haben. Einige unterstellen der Pikler-Pädagogik Dinge, die beim genauen Hinschauen haltlos sind und dazu geführt haben, dass sich die Pikler-Gemeinschaft isoliert hat. Dieses Wissen ist nur wenigen Familien zugänglich.

Ich möchte den Eltern, die sich mit den gängigen pädagogischen Ratschlägen nicht gut fühlen, in ihrem Gefühl bestärken und einladen, sich auf den Weg der Bedürfnisorientierung und des Vertrauenswachstums zu machen; Ängste in Liebe zu verwandeln.

Erfahrungsbericht

Inzwischen erreichen mich fast täglich Erfahrungsberichte von Eltern, die sich für den Weg der freien Entwicklung entschieden haben. Ich möchte nun eine erfahrene Mama zu Wort kommen lassen:

Unser Sohn hat sich von Anfang an sehr viel bewegt. Es war für mich super spannend, das zu erleben. Ich hatte vorher null Ahnung von Babies (keins geplant) und bin daher ganz neu da ran gegangen. Über Rebecca Wild kam ich auf die freie Bewegungsentwicklung. Das hat uns das Leben so stark erleichtert. Für den Transport und zum Trösten, Einschlafen usw. haben wir ihn auch viel getragen bzw gehalten. Aber seine freie Zeit verbrachte er auf einer Decke am Boden in unserem Wohnzimmer. Bei ihm lief alles wie ihm „Lehrbuch“. Habe das Konzept dann auch in der Kita vorgestellt und eine Lernende hat ihre Abschlussarbeit dazu gemacht. Mein Sohn ist sehr gross, mit einem langen Rücken, und vielen Rückenproblemen in der Familie. Ich denke die freie Bewegungsentwicklung hat hier viel beigetragen, dass er heute eine für seine Grösse gute Haltung hat (plus später die freie Schule ohne Sitz-Zwang, und noch später das Kung Fu). Zum Beispiel hat er sich als Baby sehr lange nur auf dem Bauch fortbewegt, während seine kompakteren Altersgenossen bereits auf Knien und Händen „gingen“. Er hat eeeewig und sehr ausdauernd „Flugzeug“ gespielt (Kopf, Beine, Arme in der Luft), was vermutlich den Rücken trainiert hat. Als dieser stark genug war, ist dann alles fast gleichzeitig passiert: auf Knien und Händen fortbewegen, Aufsetzen, Aufstehen. Es war unglaublich schön, das so mitzuerleben, und hat mir viel Vertrauen in den inneren Entwicklungsplan gegeben. Sicher hätte es mich verunsichert, wenn nicht alles so optimal verlaufen wäre. Ich hatte ja null Erfahrung – und das Umfeld mussten wir uns selber schaffen. Sonst kannte das niemand, und wir mussten ihn ständig vor Übergriffen auf seine Souveränität schützen. Letzteres war der schwierige Teil, und zeitweise waren wir schon etwas isoliert mit unseren Ansichten. Schön, dass es heute breiter bekannt ist.

 

Literaturempfehlungen

When Babies Get Tired of Tummy Time

The Case Against Tummy Time: Guest Post by Irene Lyon

Baby Led Tummy Time: Rolling In The New Year

http://babysteps.co.nz/tummy-time-may-not-answer/

Journal of Family Practice, Oct 2011, Vol. 60 Issue 10, p605-607, 3p,

Pediatrics Vol. 128 No. 6 December 1, 2011 pp. 1236 -1241

 

 

References   [ + ]

1. http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf
2. vgl. Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit S. 41
3. vgl. Pikler, S. 40
4. vgl. Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit
5. Emmi Pikler untersuchte vorwiegend Bedingungen für Gesundheit und nicht wie üblich Krankheit. Dieser damals evolutionärer Gedanke führte sie zu völlig neuen Blicken auf die kindliche Entwicklung.
6. vgl. Pikler, S. 48
7. http://www.earlyhumandevelopment.com/article/S0378-3782(11)00167-8/fulltext
8. https://www.nichd.nih.gov/sts/about/risk/Pages/reduce.aspx
9. http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1666017/Die-Bauchlage-ist-das-gr%C3%B6%C3%9Fte-Risiko/
10. http://www.stern.de/gesundheit/kinderkrankheiten/erkrankungen/ploetzlicher-kindstod-schicksalsschlag-aus-heiterem-himmel-3762444.html
11. http://www.pikler.de/downloads/Pikler_BogenDINA4.pdf
12. http://www.earlyhumandevelopment.com/article/S0378-3782(12)00267-8/fulltext

About the Author

Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogin. Sie arbeitete sechs Jahre in dem Forschungsprojekt Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen und war Dozentin in der Lehrerausbildung an den Universitäten Hannover und Potsdam. Evelyn ist Initiatorin der ersten Online-Schwimmschule Deutschlands und Veranstalterin des internationalen Kinder-in-Bewegung-Kongresses.

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